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Tote bei Loveparade: Erhebliche Mängel beim Sicherheitskonzept

zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 08:50

Tote bei Loveparade (RPO). Die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg wäre offensichtlich vermeidbar gewesen. Doch die Stadt und der Veranstalter setzten das Ereignis scheinbar gegen bestehende Sicherheitsbedenken durch - es ging um Prestige und um viel Geld. Interne Dokumente belegen, dass es erhebliche Mängel beim Sicherheitskonzept gab. Zudem wurde bei den Ordnern gespart.   

Es hätte alles so schön werden können: Ein rauschendes Fest inmitten des Ruhrgebiets, in diesem Jahr bekanntlich die Kulturhauptstadt Europas. Doch es kam alles ganz anders. Bei einer Massenpanik auf der Loveparade kamen am Samstag 19 Menschen ums Leben, 342 wurden teils schwer verletzt. Die Katastrophe wäre wahrscheinlich vermeidbar gewesen, doch die Stadt Duisburg und der Veranstalter nahmen, so belegen Dokumente, Sicherheitsrisiken in Kauf, um die Veranstaltung stattfinden zu lassen. Ein zweites Bochum, wo man im Vorjahr wegen Sicherheitsbedenken abgewunken hatte, sollte es nicht geben.

Diesen Verdacht legen internet Dokumente der Duisburger Stadtverwaltung nahe. Die Online-Ausgabe des "Spiegel" berichtet, dass die Veranstalter von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege befreit worden waren. Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 trage den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" und richte sich an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Loveparade. Daraus gehe hervor, dass ein Sachbearbeiter des Bauamts die Organisatoren von der Vorschrift befreite, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet.

Dem Bericht zufolge begrenzte die Stadtverwaltung die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, auf maximal 250.000. Angesichts der Zahlen von den letzten beiden Events in Essen und Dortmund war diese Zahl absolut unrealistisch - auch in den Augen der Veranstalter, die mit deutlich mehr als einer Million Teilnehmern rechneten. Am Samstag sollen 1,4 Millionen Menschen über den Tag verteilt an der Loveparade teilgenommen haben. Polizei und Stadt wollten diese Zahl aber nicht bestätigen.

Ein Anfangsverdacht für eine strafbare Handlung besteht offenbar: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen richten sich gegen Unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Sonntag zu Reuters. Das Sicherheitskonzept der Veranstalter und der Stadt Duisburg sei noch am Wochenende beschlagnahmt worden.

Lieberberg: "Totaler Amateurismus"

Deutschlands führender Konzertveranstalter, Marek Lieberberg, fällte ein eindeutiges Urteil. "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus. Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Lieberberg der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag. Nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeiger" vom Montag hatten Polizei und Feuerwehr schon vor Monaten Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert. Selbst in Internetforen hatten besorgte Mitbürger Zweifel zum Ausdruck gebracht.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte die Veranstalter erneut scharf. "Ich habe schon vor einem Jahr gesagt, dass die Stadt zu eng ist für eine derartige Großveranstaltung", sagte der gebürtige Duisburger der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" vom Montag. Er glaube, dass Duisburg sich übernommen habe, sagte Wendt: "Das war einfach eine Nummer zu groß." Einiges deute darauf hin, dass die Veranstalter sich über Sicherheitsbedenken hinweggesetzt hätten.

Zu wenig Sicherheitskräfte

Hart ins Gericht mit der Einsatzplanung ging im Gespräch mit unserer Redaktion auch Manfred Buhl, der als Chef von Deutschlands größter Sicherheitsfirma Securitas über viel Erfahrung mit der Betreuung von Massenveranstaltungen verfügt. "8000 bis 9000 Sicherheitskräfte wären auch nicht übertrieben gewesen", so Buhl. Angesichts der "Kessel-Situation" auf dem Duisburger Gelände hätte man mit wesentlich mehr Kräften kalkulieren müssen, "um die Massen im Panik-Fall auseinanderdrängen zu können", so Buhl. In Dortmund sei nur deshalb nichts passiert, weil rechts und links von der Veranstaltungsstraße große Auslaufflächen vorhanden waren.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen, Frank Richter, kritisierte zudem die Ausbildung von Ordnern bei Großveranstaltungen wie der Loveparade. Es reiche nicht, jemandem nur eine Binde umzulegen und zu sagen: "Du bist jetzt Ordner", kritisierte Richter am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Auch er monierte, das Gelände, auf dem die Loveparade in Duisburg stattfand, sei für eine solche Veranstaltung gar nicht ausgerichtet gewesen. Die GdP habe zwar darauf hingewiesen. Für die Sicherheit seien jedoch der Veranstalter und die Genehmigungsbehörde, nicht die Polizei zuständig gewesen.

Quelle: AFP/ddp/RP/born/ndi

 
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