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Duisburg: Es fordert große Kraft

zuletzt aktualisiert: 01.11.2010

Duisburg (RPO). Ludger Schepers, Weihbischof im Bistum Essen und vormals Pfarrer im Duisburger Süden, schreibt 100 Tage nach der Loveparade-Katastrophe auf dieser Seite über eine grundsätzliche Frage und die Antworten eines (katholischen) Christen.

Zwei verbeulte Autos am Straßenrand. Zwei Menschen warten auf das Eintreffen der Polizei. Wer ist schuld an diesem Unfall? Scherben einer kostbaren Vase. Zwei betroffene Kinder. Eine Mutter, die fragt: "Wer war das?" Wer ist schuld? Schuldzuweisung an "TV-Wettermann". Kachelmann beteuert: "Ich bin unschuldig!" Der Fußballclub hat erneut verloren. Schlechter Tabellenplatz. Wer ist schuld? Der Trainer wird gefeuert. Klimawandel. Waldsterben. Flusshochwasser. Wer ist schuld? Ein Kind verwahrlost. Ein Flugzeug stürzt ab. Ein Bombenattentat im Kriegsgebiet. Wer ist schuld? Große Arbeitslosigkeit. Finanzkrise. Bankensterben. Schuldenberge. Wer ist schuld? Und die Tragödie bei der Loveparade. Schuldzuweisungen. Suche nach dem Schuldigen. Wer hat was verantwortet, erlaubt, verschuldet? Du bist schuld! Ich? Es war... Ist es etwas Typisches für unsere Zeit, dass überall schnell nach dem Schuldigen gesucht wird – in Presse, Funk und Fernsehen, im Alltagsgespräch, am Gartenzaun? Und dass die Leugnung von Schuld genauso üblich zu sein scheint? "Ich war es nicht." "Ich bin nicht beteiligt."

Pontius Pilatus

"Ich wasche meine Hände in Unschuld!" Pontius Pilatus, der Statthalter des römischen Kaisers in Judäa, hat so seine Unschuld beteuert, als die Menschen die Kreuzigung Jesu forderten: "Ich bin unschuldig am Tod dieses Menschen." (Mt 27,24) Er weist die Schuld von sich und verursacht trotzdem den Tod Jesu. Die Hohenpriester stellten fest: "Er [Jesus] ist schuldig und muss sterben." (Mt 26.66) Seine Frau hatte Pilatus gewarnt: "Lass ab von diesem Menschen, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen bösen Traum." (Mt 27,19) Pontius Pilatus hört nicht auf diese Warnung. Jesus wird ans Kreuz geschlagen und stirbt. Später gelangt Pilatus in das Glaubensbekenntnis der christlichen Gemeinde: "Ich glaube an Jesus Christus, ..., gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben." Ist Pilatus schuldig? Um sich selbst zu retten, hat er Jesus "geopfert". Dabei hat er kein Gesetz übertreten, hat sich an seine Vorschriften gehalten. Die Tatsache eines Verstoßes , das zur Schuld dazugehört, ist bei ihm nicht vorhanden. Ist er trotzdem schuldig geworden?

Dass das Thema Schuld, Schuldzuweisung und das Bestreben, sich von Schuld reinzuwaschen nicht nur ein aktuelles Problem ist, auch nicht das Spezifische des Pontius Pilatus, das zeigt der Blick in das erste Buch der Bibel. Als Gott Adam fragt, ob er von dem verbotenen Baum gegessen hat, da antwortet Adam: "Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen." (Gen 3,12) Und auch die Frau weist alle Schuld von sich: "Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen." (Gen 3,13) Die Leugnung der Schuld hilft Adam nicht. Dem Vergehen folgt die Strafe: Adam und Eva müssen das Paradies verlassen. Ihre Übertretung des Gebotes, der Verstoß dagegen und ihre klare Absicht führen zu der angekündigten Konsequenz: "Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. (Gen 2,17)

Glückselige Schuld?!

Und dann wird genau dieses Versagen der ersten Menschen, die Schuld von Adam und Eva als "glückselige Schuld" bezeichnet. In ihrem Lied auf die Osterkerze besingt die katholische Kirche in der Osternacht die "felix culpa", die "glückselige Schuld", die den Erlöser Jesus Christus in die Welt gebracht hat. Es ist die Freiheit des Menschen, sich wissentlich und willentlich für das Böse zu entscheiden und schuldig zu werden. Und es ist die Freiheit Gottes, Schuld mit Gnade zu beantworten. Die Schuld der (ersten) Menschen wird zum "Tor" für das neue Leben, das Gott in seinem Sohn Jesus Christus schenkt.

Vielleicht ist das ja auch bei den Menschen manchmal so, dass Schuld Leben möglich macht. Der eingestandene Ehebruch führt zu einer neuen Tiefe der Beziehung zwischen zwei Menschen. Die in einem Gefängnis abgebüßte Schuld kann zu einer neuen Verantwortung für gelingendes Leben führen: zu einer (neuen) Ausbildung, zu sozialem Engagement, zum Einsatz für die Schöpfung.

Die Schuld der ersten Menschen beantwortet Gott mit der Gnade, dem Geschenk der Erlösung. Doch lässt ihn das Versagen seiner Geschöpfe schon im Augenblick der Schuld und der erfolgten Strafe nicht kalt. Gott erfüllt seine Ankündigung und vertreibt die Menschen aus dem Garten des Paradieses. Aber: "Gott machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit." (Gen 3,21) Auch in der Schuld will Gott den Menschen nicht schutzlos. Wie es auch bei Kain zu sehen ist. Nachdem der seinen Bruder Abel erschlagen hat, macht Gott ihm "ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn findet." (Gen 4,15)

"Wie auch wir ..."

"Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Die Bibel berichtet von keiner Selbstanklage der Schuldiggewordenen. Adam und Eva und auch Kain können die Bitte um Vergebung ihrer Schuld nicht aussprechen. Sie leben mit ihrer Schuld - und doch in Gottes Schutz. Im "Vater unser", dem Gebet, das Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern schenkt, erinnert er sie an die Möglichkeit des Schuldigwerdens. Er ermutigt sie und uns, Schuld zu bekennen und um Vergebung zu bitten. Unter den sieben Sakramenten der katholischen Kirche ist die Beichte – besser das "Sakrament der Versöhnung" – ein scheinbar vergessenes oder verloren gegangenes Sakrament. Im Unterschied zur Psychotherapie ermöglicht sie dem Menschen, Schuld nicht nur auszusprechen und so Erleichterung und eine Umgangshilfe mit ihr zu erfahren. Die "Feier der Versöhnung" räumt die Schuld aus dem Wege und schenkt so einen Neuanfang ohne alte Lasten.

Wer Vergebung durch Gott erfährt, ist herausgefordert, danach oder auch schon zuvor selber zu vergeben, Vergebung zu schenken: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Sicher ist das eine Herausforderung, der wir - menschlich - nicht immer nachkommen (können).

Es fordert große Kraft, erfahrene Schuld, Beleidigungen, Betrug, Verleumdung, ungerechte Behandlung oder andere Vergehen wirklich zu verzeihen. Endgültig. Ohne spätere Erinnerung: "Du hast doch schon einmal..."

Quelle: RP

 
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