Duisburg: "Es war die Hölle"
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 23.01.2010 - 15:51Am Samstagmorgen sind die 31 Helfer von I.S.A.R. Germany nach einer Woche im Katastrophengebiet in Haiti gesund zurückgekommen. Es war für alle eine Grenzerfahrung, sie erlebten unvorstellbares Leid und Elend.
Eine Woche lang war Till der Star in seiner Schule. Der Vater des Zwölfjährigen war als Retter für I.S.A.R. Germany sieben Tage im Katastrophengebiet im Einsatz. „Meine Lehrer und Freunde wollten ständig von mir wissen, ob es Neuigkeiten von meinem Vater in Haiti gibt”, sagt Till. „Für sie und mich ist mein Vater ein Held.” Am frühen Samstagmorgen durfte Till seinen Vater wieder in die Arme schließen. Nach einer Woche im Erdbebengebiet landete die Maschine mit Tills Vater und 30 weiteren Helfern von I.S.A.R. Germany am Frankfurter Flughafen. Ihr Empfang wurde begleitet von einem riesigen Medieninteresse. Denn die Hilfsorganisation vom Niederrhein war die einzige aus Deutschland, die in Haiti war.
Bis auf ein paar kleinere Blessuren haben alle die Strapazen der vergangenen Tage heil und gesund überstanden. Nur Retter und Pressesprecher Mark Rösen hat sich einen schweren Husten eingefangen. Mitgebracht haben alle Bilder in ihren Köpfen, die sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden - nicht vergessen werden können. „Es war die Hölle auf Erden. So ein Elend habe ich noch nie gesehen”, sagt Rösen. Fast rund um die Uhr arbeiteten die Helfer nach ihrer Ankunft bei Temperaturen von bis zu 40 Grad, suchten unter den Trümmern der eingestürzten Häuser nach Überlebenden. „Hunderte Leichen lagen an den Straßenrändern, daneben wurde Fleisch auf dem Boden gegrillt und Essen zubereitet”, berichtet Rösen.
Keine Überlebenden gefunden
Trotz aller Anstrengungen konnten die Deutschen keine Überlebenden bergen. Besonders hart sei die Arbeit in einem belgischen Feldlazarett gewesen. Dort wurden die Schwerverletzten behandelt. „Es war grausam. Die Menschen hatten fast alle offen Brüche, die Knochen ragten heraus, Gliedmaßen waren abgefault, weil sie nicht rechtzeitig behandelt wurden. Wir halfen, wo wir konnten, gingen an unsere physischen und psychischen Belastungsgrenzen”, berichtet Röser.
Die Nacht verbrachten die deutschen Helfer in Zelten auf dem Flughafen der haitianischen Millionenstadt. Der Flughafen war der einzige sichere Ort, bot Schutz vor Übergriffen. „Unser kleines Lager lag nur einen Steinwurf entfernt von der Landebahn, wo im Minutentakt Maschinen starteten oder landeten”, berichtet der Duisburger Henning Steff (24). An den ohrenbetäubenden Lärm der Flugzeuge habe man sich aber schnell gewöhnt. „Wir waren abends zu erschöpft, um den Krach noch wahrzunehmen”, so der 24-Jährige.
Bei Dunkelheit regiert die Gewalt
Der Tag begann morgens um 6 Uhr mit einem kleinen Frühstück, das sie sich aus Deutschland in Konserven mitgebracht hatten. Dann folgte die Lagebesprechung, die Einsätze wurden koordiniert und mit allen anderen internationalen Hilfsorganisationen abgestimmt. Sobald sie den sicheren Flughafen Richtung Einsatzort verließen, standen sie sofort unter Schutz von UN-Blauhelm-Soldaten, die sie mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren vor Übergriffen der einheimischen Bevölkerung schützten. „Ohne die Soldaten hätten wir den Flughafen nicht verlassen können. Es wäre ohne militärischen Schutz einfach zu gefährlich gewesen”, sagt der Rheinberger Marc Lechsner (38). Mit Einbruch der Dunkelheit gegen 16 Uhr mussten die Helfer spätestens zurück von ihren Einsatzorten sein. Denn dann regiere die Gewalt auf den Straßen von Porte-au-Prince und man sei seines Lebens nicht mehr sicher. Direkte Gewalt haben die Deutschen nicht am eigenen Körper widerfahren, aber aus der Ferne erlebt. „Rivalisierende Banden lieferten sich auf den Straßen Schlachten. Wir hörten immer wieder Schüsse”, so Röser. Einheimische seien mit Macheten aufeinander losgegangen, Plünderer lagen tot und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt vor den Supermärkten, in die sie zuvor eingebrochen waren. „Wer beim Plündern erwischt wurde, dem wurden Füße und Hände abgeschlagen”, sagt Röser. Als Warnung für alle anderen hätten die Täter die verstümmelten Körper auf der Straße liegen gelassen.
Einsatzleiterin Dr. Daniela Lesmeister aus Kleve ist erleichtert, dass sie ihre Mannschaft wieder gesund nach Deutschland gebracht hat. Die 32-Jährige, die im „normalen Leben” Referentin von NRW-Arbeitsminister Karl Josef Laumann ist, leitete erst zum zweiten Mal einen solchen Einsatz. „Es war die bisher größte Herausforderung in meinem Leben.” So schnell möchte sie nicht mehr zurück nach Haiti. „Das hat uns allen zu viel Kraft gekostet.” Viel Zeit, um sich zu erholen, haben die meisten von ihnen aber nicht. Viele müssen schon am Sonntag wieder arbeiten. Der Einsatz hat rund 70.000 Euro gekostet.
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