Duisburg: Großartiges Spiel der Überlebenden
VON HERIBERT BRINKMANN - zuletzt aktualisiert: 24.05.2008Duisburg (RPO). Was für eine Vorstellung: Die Protagonistin ist in der Jadghütte am Hang eines Berges in den Alpen die letzte Überlebende einer Katastrophe oder eines Krieges. Eine gläserne Mauer sperrt sie ein und schützt sie zugleich. Sie weiß, mit ihr stirbt die Zeit, die Natur wird sich die Welt zurückerobern. Die Spanne ihres Überlebens misst sich in der Zahl der Zündhölzer. Sie schreibt eine Chronik ihrer Tage, ohne zu wissen, ob es Überlebende gibt, die ihre Blätter finden. So ist das Aufschreiben ihres Alltags in erster Linie eigenes Überlebenstraining, um nicht verrückt zu werden.
Musiktheater im Hundertmeister
„Die Wand“, diesen großartigen Monolog der österreichischen Autorin Marlen Haushofer, hat Anja Schöne mit Eva Müller – beide Ehemalige des Schlosstheaters Moers – auf die Bühne gebracht. Im Rahmen der Duisburger Akzente wurde „Die Wand“ als Musiktheater von Thorsten Töpp im „Hundertmeister“ gezeigt. Doch im Mittelpunkt stand stets Eva Müller, die junge Moerser Schauspielerin, die diesen Monolog las, spielte, verkörperte und ihren Textpassagen vom Band lauschte. Sie betrat den Raum, maunzte wie eine Katze, und schon waren die Zuschauer mit ihr auf der Alm in Österreich, erlebten die Chronik des täglichen Überlebenskampfes. Ein Hund, eine Katze und eine trächtige Kuh sind ihre einzigen Gefährten. Eva Müller hauchte der Eingeschlossenen Leben ein, sie schlüpfte in ihre Einsamkeit, sie erlebte die harte Arbeit auf der Wiese mit. Die Protagonistin bleibt in ihrer kleinen Welt und blendet alles andere aus dem alten Leben aus.
Marlen Haushofer veröffentlichte 1963 diesen verstörenden, sprachlich brillanten Roman. Heute wird die Germanistin mit Ingeborg Bachmann zu den Vorläuferinnen der modernen Frauenliteratur gezählt. Bei der Aufführung im Hundertmeister hat die Musik von Cello bis Saxophon die düstere Stimmung des Textes noch unterstrichen.
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