Schuldfrage nach der Loveparade-Tragödie: Hat der Veranstalter zu viel riskiert?
VON JÖRG ISRINGHAUS UND THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 28.07.2010 - 21:56Rainer Schaller steht als Organisator der Loveparade in der Kritik. Die Polizei wirft ihm vor, Vorgaben des Sicherheitskonzeptes ignoriert zu haben. Der 41-Jährige sagt, er habe alle Auflagen erfüllt.
Rainer Schaller liebt das Risiko. „100 Prozent“ sei seine Risikobereitschaft als Unternehmer, sagte der Veranstalter der Loveparade und Chef der Fitness-Kette McFit einmal. Der kräftige Mann mit Glatze und Vollbart strahlt denn auch etwas Abenteuererhaftes aus, sieht energisch aus, fast gestählt, erzählt gerne von seinen turbulenten Reisen. Seit Samstag aber wirkt der 41-Jährige bei öffentlichen Auftritten so, als würde er selbst erdrückt. Hat er zu viel riskiert?
Am Tag vier nach der Loveparade-Katastrophe muss sich Schaller, Geschäftsführer der Event-Firma Lopavent, erneut mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. Laut Dieter Wehe, Inspekteur der Polizei in NRW, haben die von Schaller eingesetzten Ordner ihre Aufgaben nur unzureichend oder gar nicht erfüllt. Damit habe der Veranstalter die Vorgaben seines Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten, sagte Innenminister Ralf Jäger gestern. Stattdessen habe er, als die Situation „außer Kontrolle“ geraten sei, die Polizei um Hilfe gebeten.
Vertreter der Stadt warnten vor Mängeln
Sogenannte Pusher sollten die Rückstaus, die sich vom Gelände zum Eingang bildeten, auflösen, andere Ordner den Tunnel sperren. „Dies wurde nicht umgesetzt“, so Wehe. Auch die Zahl von 150 für die Rampe zugesagten Ordnern kann Wehe nicht bestätigen. Damit muss sich Schaller Fragen zu seiner Sorgfaltspflicht stellen: Wurde bei der Veranstaltung an der Sicherheit gespart? Waren die Ordner überhaupt qualifiziert? Warum hat Schaller sogar auf einer Sicherheits-Sitzung in seinen eigenen Firmen-Räumen, auf der Vertreter der Stadt eindringlich vor den Mängeln in seinem Sicherheitskonzept gewarnt haben, nicht reagiert?
„Wir werden die Fragen beantworten und wollen Transparenz herstellen“, sagte dazu bereits am Montag Lopavent-Pressesprecher Björn Köllen auf Anfrage unserer Zeitung. Schaller persönlich werde sich äußern. Am Dienstag wiederholte Lopavent dieses Versprechen. Gestern nicht mehr. „Wer sich verteidigt, klagt sich an“, sagt ein altes Sprichwort. Aber wer mauert, hat vielleicht auch einen triftigen Grund. Der wird vielleicht in dem Protokoll von einer vorbereitenden Sicherheits-Sitzung am 18. Juni 2010 dokumentiert, das unserer Redaktion vorliegt.
Tödliches Chaos auf der Loveparade - ein Überblick
Bei dem Treffen wies die Duisburger Genehmigungsbehörde den Lopavent-Vertreter darauf hin, dass aus Sicherheitsgründen nur maximal zwei Personen pro Quadratmeter auf das Gelände gelassen werden dürfen. „Lopavent sieht das nicht so“, vermerkt das Protokoll lapidar. Grafiken, Fotos und weitere Unterlagen aus den Ermittlungen der Polizei finden Sie hier.
Auch den Hinweis, für die Veranstaltung auf dem ehemaligen Güterbahnhof in Duisburg müssten angesichts der erwarteten Besuchermassen mindestens 440 Meter Fluchtweg nachgewiesen werden, wischte der Lopavent-Vertreter vom Tisch: „Lopavent hat bisher 155 Meter nachgewiesen, da sie es aus ihrer Erfahrung für ausreichend halten, wenn 1/3 der Personen entfluchtet werden können“, so das Protokoll. Fluchtwege mit 440 Metern könnten auch gar nicht dargestellt werden.
Laut Protokoll gab sich Lopavent „überrascht, welche rechtlichen und formalen Anforderungen die Bauordnung stellen würde“. Und dann zitiert das Protokoll eine Passage, die sich im Nachhinein wie eine Selbstanzeige liest: „ihnen (Lopavent, Anm. d. Red.) ginge es allein um die praktische Seite (. . .) es könne nicht nur um rechtliche, sondern nur um das tatsächliche Problem gehen“.
Sicherheitsforscher wurde abgewiesen
Auch dem Sicherheitsforscher Dirk Oberhagemann ist das Gebaren der Firma Lopavent unangenehm aufgestoßen. Der 41-jährige Wissenschaftler koordiniert seit einem Jahr eine Studie über das „Risiko Großveranstaltung“ für das Bundesforschungsministerium. Im Vorfeld der Loveparade versuchte er, von der Firma Lopavent eine Drehgenehmigung für Filmaufnahmen des Eingangsbereichs zu bekommen – des in seinen Augen äußerst sensiblen Areals. „Das hat man mir genauso verweigert wie Einblicke ins Sicherheitskonzept“, so Oberhagemann.
Für ihn ein Novum: Noch nie habe ihm ein Großveranstalter bei ähnlichen Anliegen einen Korb gegeben. Völlig unverständlich ist ihm aber, wie man eine Veranstaltung planen könne, bei der man mit mindestens doppelt so viele Menschen rechne, als tatsächlich auf das Gelände passen. Oberhagemann: „Sagt man denen dann, ,geht nach Hause’? Natürlich wollen alle aufs Gelände. Das konnte einfach nicht gut ausgehen.“
Schaller sagt jetzt, er habe auf dem langen Weg bis zur Realisierung der Loveparade in Duisburg alle zwischenzeitlichen Bedenken gelöst und am Ende alle Auflagen erfüllt. Auch Innenminister Jäger habe bestätigt, dass es ein detailliertes Konzept gegeben habe. Ohne eine offizielle Genehmigung hätte die Loveparade nie stattgefunden. Er habe seine Server und sein Video-Material der Staatsanwaltschaft übergeben, organisiere zudem einen Hilfsfonds für Angehörige.
Und er wolle alle 2000 Mitarbeiter befragen, bis die Wahrheit ans Licht komme. Dies wiederum belegt die Hemdsärmeligkeit, mit der sich Rainer Schaller zum deutschen Marktführer in Sachen Fitness hochgearbeitet hat. Die Loveparade sei allerdings nur „gierige“ Geschäftemacherei für Schaller, kritisiert der Erfinder der Loveparade, Dr. Motte.
„Einfach gut aussehen“ lautet der McFit-Slogan, dem jetzt ein furchtbarer Beigeschmack anhaftet. Schaller setzte auf die Zielgruppe der Raver, wollte etwas „Verrücktes machen“, um bekannter zu werden. Jetzt drohen ihm die Fitness-Sportler wegzulaufen. In diversen Internetforen wird zum Boykott von McFit aufgerufen. Gut aussehen ist einfach nicht genug.
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