Duisburg: Huhn gleich mit evakuiert
VON SANDRA KAISER - zuletzt aktualisiert: 27.10.2007Duisburg (RPO). So viel Aufhebens um so ein kleines Ding? Ungläubig starrt Doris Konrad auf das verrostete und vermatschte Etwas, das da, gerade einmal drei Meter entfernt, vor ihren Augen am Kran baumelt. „Unterschätzen Sie die mal nicht. Wäre sie losgegangen, hätte sie einen immensen Schaden angerichtet. Von den Bürogebäuden ringsum wäre nicht mehr viel übrig geblieben“, sagt Frank Höpp. Und er kennt sich aus: Der Mitarbeiter der Kampfmittelbeseitigung hatte die Bombe kurz zuvor entschärft.
Sofort wird er mit neugierigen Fragen bombardiert. Ob es denn besonders schwierig gewesen sei? „Nein. Es war ein ganz normaler mechanischer Aufschlagzünder“, antwortet er geduldig. Er habe schon mit hunderten Bomben dieser Art zu tun gehabt. Und ob die Entschärfung für ihn nicht gefährlich gewesen sei? Höpp schmunzelt: „Nun, die Arbeit erledigt eine Maschine für mich. Die hat den Zünder abgedreht, während ich mich 200 Meter entfernt in sicherer Deckung befand.“
Die britische Zehn-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg war am Mittwochnachmittag gefunden worden. Der Führer des Schwimmbaggers, der im Zuge der Arbeiten für das geplante Eurogate Schlamm aus dem Holzhafen fischte, hatte sie plötzlich in seiner Schaufel entdeckt und sofort Alarm geschlagen. Wenig später waren bereits die Männer von der Kampfmittelbeseitigung vor Ort. Stadt, Polizei und Ordnungsamt richteten umgehend einen Krisenstab ein.
Die Entschärfung ist für 11 Uhr angesetzt. Alle Menschen im Umkreis von 500 Metern müssen die Sicherheitszone bis 10 Uhr verlassen. Betroffen sind rund 5000 Mitarbeiter der vielen Firmen, die am Innenhafen angesiedelt sind und 1223 Anwohner. „Ich werde jetzt meinen Sohn im Krankenhaus besuchen“, erzählt eine Frau im Vorbeieilen.
Eine andere will sich mit ihrer Freundin in einem Café an der Königstraße treffen. Tamara Otto-Lange hat den eigens eingerichteten Aufenthaltsraum im Landfermann-Gymnasium vorgezogen – und aus ihrer Wohnung an der Oberstraße auch gleich Haushuhn „Pünktchen“ evakuiert. Überflüssig zu erwähnen, dass die beiden in der Schul-Aula, wo die Johanniter alle mit belegten Brötchen und heißem Kaffee verpflegen, für riesiges Gelächter sorgen.
Und so ist es am späten Morgen gespenstig ruhig am Innenhafen. Keine Autos, keine Menschen, in den Büros und Wohnungen ist es stockdunkel. Nur vor dem Altenheim am Philosophenweg regt sich noch etwas. Obwohl fast alle Mitarbeiter im Einsatz sind, dauert die Evakuierung länger als geplant. „Es ist ja auch ein riesiger logistischer Aufwand für uns“, sagt Heimleiter Wolfgang Paas. Er steht am Eingang und koordiniert die Abläufe. Nach und nach werden die zwölf bettlägerigen Bewohner auf Krankentragen in die bereitstehenden Krankenwagen gebracht, die sie ins Städtische Klinikum transportieren sollen. Auf die anderen warten zwei DVG-Busse vor der Tür.
„Wir werden zum Seniorenzentrum an der Karl-Jarres-Straße fahren“, erzählt Heimbewohnerin Wiltrud Rühl (68). Sie könne das überhaupt nicht erschüttern, schließlich habe sie schon drei Mal eine Evakuierung nach einem Bombenfund mitgemacht. Auf dem Sitz neben ihr nimmt Käthe Hochbruck Platz. „Ich finde es gar nicht so schlimm. So kommen wir mal raus und treffen andere Menschen“, sagt die 92-Jährige „Und wer weiß, vielleicht sehe ich ja sogar ein paar Bekannte wieder.“ Schließlich sind alle Rollatoren verstaut, die letzten der 38 Rollstuhlfahrer sicher in den Bussen untergebracht. „Jetzt aber nichts wie weg, bevor die Bombe hochgeht“, sagt Wiltrud Rühl lachend.
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