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Duisburg nach der Loveparade: Im Verantwortungs-Vakuum

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 28.07.2010 - 16:51

Duisburg nach der Loveparade (RPO). Das Drama von Duisburg stellt auch die Frage nach Verantwortung. Ohne sie geht es nicht. Sie ist ein zentraler Punkt – als Hilfe für die Hinterbliebenen und als wichtiger Schritt zur Aufklärung. Dass diese Haltung bisher alle Beteiligten der Duisburger Katastrophe zur Loveparade haben vermissen lassen, zeigen Statements von Trauma-Therapeuten.

Es war dieser kurze Augenblick, in dem man glaubte, dass sich vieles entscheiden würde: Als Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) jetzt im RP-Gespräch erklärte, dass ein OB nicht einfach zurücktreten könne. Und: "Er übernimmt Verantwortung und muss sich dieser auch stellen."

Wer dieser Aussage noch einige Momente hinterherlauscht, wird bald etwas vermissen – die eindeutige Selbstverpflichtung. So aber lesen wir einen Satz, der das Amt meint und betrifft, nicht aber ihn. Fielen Sauerland möglicherweise jene Worte zu schwer: Ich bin Oberbürgermeister und übernehme darum auch die Verantwortung für die Katastrophe? Oder ist das jetzt nur eine höhere Form von Wortklauberei?

Die Menschen brauchen jemanden der sich bekennt

Nein, weil die Frage nach der Verantwortung keine Auslegungssache sein darf, sie gehört nicht in die Grauzone unserer Verhaltensweisen. Verantwortung verlangt nach Eindeutigkeit; sie gehört zu ihrem Wesen und ihrem Wert. Die Rede von Verantwortung ist weder ein formales noch ein rhetorisches, also strategisches Instrument; wer Verantwortung übernimmt, muss sich ihr stellen und sich klipp und klar zu ihr bekennen.

Dass diese Haltung bisher alle Beteiligten der Duisburger Katastrophe zur Loveparade haben vermissen lassen, zeigen Statements von Trauma-Therapeuten. Am Dienstag hat die Psychologin Sybille Jatzko der Stadtspitze Ignoranz und eine Art unbeteiligtes Verhalten vorgeworfen. Die Menschen, so Jatzko, bräuchten jemanden, der Verantwortung übernehme.

Amt und Verantwortung sind untrennbar

Doch das ist eine missverständliche Formulierung, weil insbesondere Politiker Verantwortung gar nicht übernehmen können, weil sie diese mit ihrem Amt längst und automatisch innehaben. Es gibt keine Trennung von Amt und Verantwortung.

Niemand ist verpflichtet, sich um öffentliche Ämter zu bewerben. Wer sich aber um die Macht bemüht, begibt sich in den Bezirk frei gewählter Verantwortung. Ihr Gegenstand ist stets die öffentliche Sache. Der Politiker strebt nach Macht, um Gestaltungseinfluss und Verantwortung zu gewinnen. Der Philosoph Hans Jonas hat das in seinem Werk "Das Prinzip Verantwortung" so beschrieben: "Der Freie nimmt die herrenlos wartende Verantwortung für sich in Anspruch und steht dann allerdings unter ihrem Anspruch" – und demnach in ihrer Pflicht.

Den Kopf für etwas Unplanbares hinhalten? 

Aber wie soll das gehen, noch in Zeiten von derart komplexen Handlungsabläufen, die – etwa bei den Planungen zur Loveparade – für den Einzelnen unüberschaubar werden können. Wie kann man ein auch fremdes Tun überhaupt verantworten, dessen Zusammenhänge und Konsequenzen – ungeachtet mehr oder weniger ausgetüftelter Szenarien und Prognosen – letztlich ungewiss erscheinen, wenig absehbar, unzureichend eingrenzbar und kontrollierbar?

Aber genau darin unterscheidet sich die Ethik der Verantwortung von einem bloßen Verantwortungsgefühl: Die Bedingung echter Verantwortung ist die Macht. Der Befugte fragt darum auch nicht, wofür er die Verantwortung trägt, sondern ob er dafür zuständig ist, das heißt: ob sie im Wirkungsbereich seiner Macht liegt. Darin gründet sich die Verbindlichkeit von Verantwortung.

Schuld ist nicht dasselbe

In diesem Sinne wird Verantwortung sichtbar als eine Haltung und moralische Größe. Sie zeigt zudem eine ganz besondere Fähigkeit: nämlich in der Bereitschaft, Antworten auf Fragen geben zu wollen, die niemand sonst beantworten kann oder beantworten mag. Das ist seit dem Mittelalter die Grundbedeutung einer "Ver-Antwortung". So ruht in ihr von Beginn an die Geste der Aufklärung, maßgeblich beizutragen an der Rekonstruktion einer Handlung. Auch darum kann ein Satz wie: "Ich übernehme die Verantwortung", so befreiend und besonders für die Hinterbliebenen so hilfreich werden.

Diese Verantwortung freilich wäre unmenschlich und selbst vom politisch Ermächtigten kaum zu tragen, wäre sie gleichzeitig verknüpft mit der Frage nach einer Schuld. Schuldig wird jemand, wenn er vorsätzlich und fahrlässig falsch gehandelt hat. Der Verantwortung liegt zunächst eine Handlung zugrunde, die motiviert ist von einem korrekten und dem Gemeinwohl nützlichen Agieren. Das vermag allerdings nicht auszuschließen, dass es am Ende negative oder – wie in Duisburg – katastrophale Folgen zeitigen kann.

Noch nicht mal ein Signälchen

Aus Duisburg ist zu einem solchen Verantwortungsverständnis noch immer nichts Eindeutiges, nicht einmal ein Signal zu vernehmen. Dafür mehren sich andere Stimmen, jene nämlich, die jetzt von außen die Verantwortung einfordern. Schon dieses Herantragen, diese Mahnungen und Erinnerungen an die Pflicht eines Politikers sind untrügliche Kennzeichen für die Erosion von Macht. Bezeichnenderweise sind es nicht nur Stimmen aus der politischen Opposition, die nach Konsequenzen rufen.

Zuletzt hat sich der Vorsitzende des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, Wolfgang Bosbach (CDU), zu Wort gemeldet. Und wie in einer Nachhilfestunde erinnerte er die "Verantwortlichen" um Duisburg daran, dass eine Übernahme und eine Akzeptanz ihrer Verantwortung strafrechtlich nicht von Belang sei. Selbst ein Rücktritt vom Amt und damit ein Ausscheiden aus dem Machtbezirk der Verantwortung sei noch kein Eingeständnis von Schuld. Es geht also nicht um ein politisches Opferlamm, das von uns das Leiden aus Duisburg nehmen soll. Es darf auch nicht um Parteipolitik gehen und erst recht nicht um ein Notopfer, bei dem halt der Prominenteste seinen Kopf herhalten muss zur Beruhigung der verzweifelten, trauernden Menschen. Es geht schlicht und einfach um den Ausweis von Verantwortung, um die Wahrnehmung einer Pflicht, die an Macht und Amt gebunden ist.

Es geht um Charakter

Das Schweigen von Duisburg erzeugt schon jetzt ein bedrückendes Vakuum. Die Stille im Rathaus erweckt den Eindruck, dass wir zu Zeugen einer Fortsetzung jener Überforderung werden, für die es schon bei den Planungen zur Loveparade etliche Indizien zu geben scheint. Eine prekäre Situation ist eingetreten, in der die Kerzen am Schicksals-Tunnel leuchten, in der aber der Umgang mit der Trauer vor lauter Verzweiflung noch keine rechte Bahn finden konnte.

Auch das scheint Wolfgang Bosbach sehr genau erkannt zu haben: Wie fassungslos die Menschen werden, wenn sie, so seine Worte, sehen müssen, wie der sogenannte Schwarze Peter in Duisburg seit Tagen unheilvoll umherwandert. Es wäre für die Bewältigung der Katastrophe hilfreich, wenn die Worte Wolfgang Bosbachs in Duisburg nicht unerhört blieben: "Ob jemand die individuelle persönliche politische Verantwortung spürt, ist nicht in erster Linie eine Rechtsfrage, das ist eine Charakterfrage."

Quelle: RP

 
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