Duisburg: Jede Schließung ein kleiner Tod
VON JULIAN WEIMER - zuletzt aktualisiert: 29.10.2006 - 23:00Duisburg (RPO). Nacht der Architektur: Was kann und soll mit Kirchengebäuden geschehen, die nicht mehr sakral genutzt werden? Experten diskutierten im Wilhelm Lehmbruck-Museum.
„Kann man Kirchen abreißen?“ Diese provokante Frage stellte Jutta Heinze, Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Rechter Niederrhein, in ihrem Begrüßungswort zur 8. Nacht der Architektur im Lehmbruck-Museum. Die Evangelische und die Katholische Kirche leiden unter Geldproblemen und können nicht alle ihre Kirchen halten. Was also tun mit einem Gebäude, lange Jahre Zentrum einer Glaubensgemeinde war?
„Immer mehr Leute entscheiden sich gegen die Kirche“, stellte der BDA-Landesvorsitzende Martin Halfmann fest. „Und für die Rentner ist das Rad zu groß, das die Kirche dreht“. Dabei ist „jede Kirchenschließung ein kleiner Tod“, meinte Halfmann. „Aber auch eine Nachnutzung kann ihre Funktion als soziale Mitte zerstören“.
Kirchen in der Stadt
Im Rahmen der Reihe „Kirchen in der Stadt – erben, erhalten, nutzen“ des Bundes Deutscher Architekten Rechter Niederrhein wird es landesweit 17 Veranstaltungen zu verschiedenen Fragestellungen geben. Am 13. November wird in Düsseldorf im „Künstlerverein Malkasten“ ein Resümee gezogen.
Bisher entscheiden in den meisten Fällen die Kirchen allein über die Zukunft ihrer Gebäude. Laut Andreas Nohr ein großer Fehler. Der Autor und Theologe aus Hamburg hat einige Jahre für den evangelischen Kirchenbautag gearbeitet und weiß, dass Kirchen „Seele, Gedächtnis und Gewissen für die Gemeinden, in denen sie stehen“ sind. Deshalb plädiert er für „runde Tische“, an denen Kirchen, Stadtverwaltung und Bürger gemeinsam beraten und entscheiden.
„Es wird Umnutzungen geben, es wird Abbrüche geben“, war sich Martin Linne, Leiter des Stadtplanungsamtes Duisburg, sicher. Aber auch er möchte dabei zur Entscheidungsfindung auf öffentliche Diskussionen setzen. Denn Linne weiß, dass „die Menschen vor Ort eine ganz persönliche Beziehung zu ihrer Kirche haben“ und von beiden Kirchen bisher leider häufig nach kommerziellen Gesichtspunkten entschieden worden sei.
96 Beispiele im Bistum Essen
Im Bistum Essen werden bereits 96 Kirchen nicht mehr sakral genutzt, sagte Andreas Nohr. Besonders den Nachkriegsbauten gehe es verstärkt an den Kragen. „Das Label ,Antiquität’ schützt besser als jede Wachfirma.“ Die Nachkriegskirchen haben noch keine lange Geschichte, deswegen falle es leichter, diese zu schließen, als die gotischen und romanischen Bauten.
Will man einen Abriss vermeiden, muss das Gebäude neu genutzt werden. Nohr sprach von „harten“ und „weichen“ nachnutzungen. Eine Schule oder einen Kindergarten in einem Kirchengebäude einzurichten hält er für eine „weiche“, akzeptable, Nachnutzung. „Die gemeinwesenhafte Nutzung der Gebäude sollte Vorrang vor introvertiert-privater haben“, fasste er zusammen. Ebenfalls eine „weiche“ Nachnutzung stelle die Abgabe des Gebäudes an eine andere Glaubensgemeinde dar.
Negativbeispiele gibt es aber genug. So wurden in manchen Kirchen in Deutschland schon Restaurants, Banken und Turnhallen eingerichtet. Ein Schicksal, das auch durch ein Engagement der Bürger verhindert werden könne und sollte – darin waren sich am Abend alle Experten einig.
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