Duisburg: Kreativität in "2-3 Straßen"
zuletzt aktualisiert: 13.08.2010Duisburg (RPO). Das vom Künstler Jochen Gerz angeregte Projekt, bei der Menschen in Hochfeld und anderswo für ein Jahr eine kostenlose Wohnung bekommen und über ihre Erfahrungen schreiben, stößt auf zunehmendes Interesse. Besucher sind willkommen, ebenso deren Anregungen.
Nachbarn treffen sich, kommen vor der Haustür spontan ins Gespräch, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen über den Bürgersteig, Kinder rennen zur Straßenbahn, der Kioskbesitzer räumt Zeitschriften in seine Auslage. Urbane Tristesse? Schlichter Alltag? Gewöhnlichkeiten? Was passiert, wenn Kreative dorthin kommen, wo nichts los ist und ein Jahr lang bleiben?
"Diaspora der Wirklichkeit"
40 Jahre nach der unvergessenen Besucherschule von Bazon Brock zur documenta 4 in Kassel wendet die Besucherschule in "2-3 Straßen" den Kunstblick zurück zur Diaspora der Wirklichkeit, die auch heute noch für alles andere als Kunst und Kultur steht. Straßen ohne Ereignisse und Sehenswürdigkeiten schreiben ihre eigene Geschichte in einem gemeinsamen Buch. Ein Jahr lang erzählen und schreiben Menschen sich selbst auf. Aus Konsumenten werden Autoren.
Jochen Gerz
Der Initiator von "2–3 Straßen", Jochen Gerz (Jahrgang 1940), ist ein international bekannter Konzeptkünstler, der in und mit verschiedenen Medien arbeitet. Er schuf Mahnmale und regte Performances sowie Aktionen mit "normalen" Bürgern an. In Duisburg war er bei den Akzenten 2006 beteiligt, die unter Motto "Woran glauben?" standen. Dort realisierte er die Aktion "Tausch der Tabus". Dabei wurden kurze Glaubensaussagen von Katholiken, Protestanten, Juden, Moslems u.a. in Kultstätten eines jeweils anderen Glaubens präsentiert.
2-3 Straßen von Jochen Gerz ist eine Ausstellung in drei Straßen des Ruhrgebiets. Die drei Städte Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr stellen während des Kulturhauptstadtjahres 78 Menschen aus nah und fern sanierte Wohnungen in drei für das Ruhrgebiet typischen Straßen mietfrei zur Verfügung. Für dieses Grundgehalt engagieren sich die Autoren als Kreative und Straßenveränderer. Ziel der Arbeit von Jochen Gerz ist die Veränderung der drei Straßen. Eine Autorengesellschaft entsteht. Alltag wird Kunst und Kunst wird zu Menschen.
Die Straßen werden am Ende nicht mehr die gleichen sein. 2-3 Straßen ist ein kulturelles Experiment mit einem Ausgang, der für die Städte und ihre ärmsten Quartiere zu einem neuen Anfang werden kann. Alle wollen die Stadt verändern. Warum nicht mit Kreativität? Zum Beispiel mit dem "kreativen Adressbuch" in Hochfeld. Am Hochfelder Markt leben zurzeit 26 Kulturhauptstadt-Mieter aus aller Welt, die ihre täglichen Eindrücke und Gedanken aufschreiben. Auch die Nachbarn und die Besucher schreiben mit. Sie alle sind Teil von "2-3 Straßen". Der große Gemeinschaftstext von Hochfeld soll ein Buch werden. Das tägliche Schreiben ist für viele so selbstverständlich geworden wie Einkaufen, Wäschewaschen oder Zähneputzen. Und die Nachbarn stellen fest: Das können wir auch.
Beim "kreativen Adressbuch" geht es um folgende Fragen: Worauf sind Sie stolz? Was soll sich ändern? Was konnten Sie gestern gar nicht und was können Sie heute besonders gut? Bei der eigenen Arbeit? Im Job? In der Freizeit? Unterwegs? Im Leben? In Hochfeld, so die bisherige Auswertung, gibt es kreative Konditoren, Kult-Frisöre, Ausnahme-Apotheken, Szene-Suppenküchen, eine Veränderungsschneiderei und vieles mehr. Aber manches fehlt. Beispielsweise eine Kneipe für Kreative. Die Organisatoren rufen dazu auf, sich mit Anmerkungen im "kreativen Adressbuch" zu Wort zu melden.
Info Hochfelder Büro von "2-3 Straßen" an der Saarbrücker Straße 44, 47053 Duisburg, Telefon: 0203 608 43 59. Internet: duisburg@2-3strassen.eu oder www.2-3strassen.eu
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