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Duisburg: Mafia-Morde: Mutmaßlicher Täter meldet sich zu Wort

VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 07.08.2008 - 23:36

Duisburg (RPO). Ein Jahr nach dem sechsfachen Mord von Duisburg hat sich der mutmaßliche Haupttäter, Giovanni Strangio aus Kaarst, in einem Interview zu Wort gemeldet. In San Luca nahmen die italienischen Behörden fast gleichzeitig seinen Schwager als möglichen Drahtzieher fest.

Mit der Festnahme des 31-jährigen Paolo Nirta ist der italienischen Polizei fast ein Jahr nach dem Sechsfachmord von Duisburg am 15. August 2007 ein weiterer Schlag gegen die kalabrische Mafia-Organisation ‘Ndrangheta geglückt. Carabinieri nahmen den Banden-Chef im kalabrischen San Luca fest, als er versuchte, über den Balkon eines Hauses zu fliehen. Er war nicht bewaffnet. Nirta war bis zu den Morden im vergangenen Jahr in Kaarst gemeldet.

Der 31-jährige ist der Schwager des mutmaßlichen Killers von Duisburg, Giovanni Strangio (30), der sich gestern in einem Interview mit einem italienischen Magazin zu Wort meldete. Nach dem ebenfalls bis 2007 in Kaarst gemeldeten Pizza-Bäcker wird ebenso weltweit gefahndet wie nach dem zweiten Verdächtigen, Giuseppe Nirta (34).

Wird die Festnahme Paolo Nirtas die Polizei auf die Spuren der beiden Gesuchten führen? Der Duisburger Kriminaldirektor Holger Haufmann (50) ist skeptisch: Paolo Nirta spiele für die deutschen Ermittler keine Rolle. Er sei nach den Duisburger Morden überprüft worden. „Dabei haben wir nichts Belastendes gegen ihn gefunden.” Selbst falls Nirta etwas wisse, glaubt Haufmann nicht, dass er bei den italienischen Behörden auspacken werde. Der jetzt Festgenommene gilt als einer der Bosse des Strangio-Nirta-Clans, dem auch Giovanni Strangio angehört. Paolo Nirtas Vater, Giuseppe Nirta (68), und ein Bruder sitzen bereits in italienischer Haft.

Die Morde von Duisburg im vergangenen Jahr waren der vorläufige Höhepunkt einer blutig ausgetragenen ‘Ndrangheta-Fehde zwischen den Clans Strangio-Nirta auf der einen und Pelle-Vottari auf der anderen Seite, dem die in Duisburg Erschossenen angehörten. Der Streit der Mafiafamilien soll 1991 im Karneval mit Eierwürfen begonnen haben. Nach einer Reihe von Morden eskalierte die blutige Fehde 2006 mit der Ermordung von Paolo Nirtas Schwägerin Maria. Dabei wurde ein fünfjähriges Kind angeschossen. „Das war für die ‘Ndrangheta ein Tabubruch”, sagt Haufmann. Als Hauptverdächtiger für die Schüsse auf Frau und Kind galt Marco Marmo.

Der 25-Jährige setzte sich nach der Tat in Richtung Deutschland ab. Dort fand er in Duisburg Unterschlupf bei Sebastiano Strangio (38), dem Chef des italienischen Restaurants „Da Bruno”, einem Mitglied des Pelle-Vottari-Clans. Marmo wähnte sich offenbar bei dem polizeilich unauffälligen Wirt sicher. Wie man heute weiß, waren damals sowohl die italienische Polizei als auch die Strangio-Nirta-Sippe dem Flüchtigen auf den Fersen. Zeitweise hatten die italienischen Behörden Marmos Auto verwanzt. Auch seine Handy-Gespräche hörten die Ermittler mit.

Bereits im Juni 2007 schickten die Italiener Auszüge der Abhörprotokolle ans Deutsche Bundeskriminalamt. Am 7. August, also acht Tage vor der Tat, lag eine Übersetzung der Akte der Duisburger Polizei vor. Hätte das Verbrechen verhindert werden können? „Nein”, sagt Haufmann. „Es gab keine Hinweise auf die Tat.” Möglicherweise, so Haufmann, seien die tödlichen Schüsse von Duisburg auch ein persönlicher Racheakt Giovanni Strangios gewesen, an dem sich noch ein weiterer Täter - wahrscheinlich Giuseppe Nirta - beteiligt habe.

Nach Einschätzung vieler Experten hatte das Verbrechen von Duisburg aber auch deutlich gemacht, dass die Erkenntnisse der deutschen Behörden über die Struktur der Mafia lückenhaft waren, und die Kommunikation zwischen deutschen und italienischen Polizei- und Justizdienststellen dringend verbessert werden musste.

Als Reaktion auf die Defizite richteten Deutsche und Italiener eine gemeinsame Anti-Mafia-Taskforce ein. Doch die ist einen Erfolgsbeweis bislang schuldig geblieben. „Jedenfalls ist von ihren Ergebnissen nichts nach außen gedrungen”, merkt Rüdiger Thust vom Bund Deutscher Kriminalbeamter an. Richtig rund läuft es wohl noch nicht: Von der Festnahme Nirtas erfuhr die Duisburger Polizei nicht von ihren italienischen Kollegen, sondern aus den Medien.

Die Clans in San Luca haben inzwischen Frieden geschlossen. Im Restaurant „Da Bruno” wird ein deutscher Betreiber die restaurierten Räume wieder in Betrieb nehmen. Im Polizeipräsidium Duisburg arbeitet nur noch eine Handvoll Beamten an der Aufklärung des Falls. Für Haufmann steht dennoch fest: „Wir kriegen Strangio.”

Strangio schwört: Ich war‘s nicht

Seit fast einem Jahr sucht die Polizei weltweit nach Giovanni Strangio. Der Italiener soll der Killer sein, der am 15. August zusammen mit einem anderen Mafioso sechs junge Landsleute in Duisburg vor dem Restaurant „da Bruno” erschossen hat. Am Donnerstag gab der mutmaßliche Todesschütze der italienischen Zeitung „Panorama” ein Interview: „Ich falle auf die Knie und schwöre, dass ich unschuldig bin - vor Gott, vor der Welt und den Familien der Opfer dieser schrecklichen Tragödie.”

Strangio beteuerte, mit der schrecklichen Bluttat nichts zu tun zu haben. Die Ermittler wollten „der Weltöffentlichkeit und besonders den Deutschen” möglichst schnell Ergebnisse präsentieren - „egal, was die Gerechtigkeit sagt”.

„Fakt ist, dass ich Italiener bin, aus San Luca und ein Strangio”, erklärte der mutmaßliche Haupttäter. Er leugne auch nicht, an dem betreffenden Tag in Deutschland gewesen zu sein: „Ich bin nach Deutschland gefahren, um meine geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln.” Eine Blutrache existiere in San Luca nicht. Diese sei „eine Erfindung der Journalisten und Behörden”. Er sei nicht in die ‘Ndrangheta verwickelt. „Ich weiß, dass in meinem Land Armut, Gleichgültigkeit und Misstrauen existieren. Aber es gibt auch Liebe, Leidenschaft und den Wunsch nach Arbeit”, so Strangio.

Den Duisburger Kriminalhauptkommissar Holger Haufmann, der die Ermittlungen zum sechsfachen Mord in Deutschland leitet, beeindruckten Strangios Unschuldsbeteuerungen nicht. Für den Fahnder ist der 29-Jährige weiterhin der Hauptverdächtige. Ferner steht für den Kriminalisten nicht fest, ob die in „Panorama” wiedergegebenen Äußerungen authentisch sind.

Auch die italienische Polizei ist weiterhin überzeugt: „Er ist verantwortlich für das Massaker in Duisburg, er hat diese schrecklichen Dinge getan.”

Quelle: RP

 
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