Duisburg: Maß, Markt, Menschen
VON INGO HODDICK - zuletzt aktualisiert: 18.06.2011Duisburg (RP). Beim ersten "Marxloher Gespräch" in der gut gefüllten Kreuzeskirche diskutierten der evangelische Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider und der Ökonom Prof. Dr. Michael Hüther über "Die Zukunft des Sozialstaates".
Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird zukünftig einmal jährlich im Rahmen der "Marxloher Gespräche" mit renommierten Partnern aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien aktuelle Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung erörtern. Abseits von tagespolitischen Themen sollen nicht die schnellen und meist oberflächlichen Antworten im Zentrum stehen, sondern die intensive und kritische Auseinandersetzung um das, was "die Welt im Innersten zusammenhält".
Die "Marxloher Gespräche" sind Teil von "Laboratorium - Evangelisches Zentrum für Arbeit, Bildung und betriebliche Seelsorge", das ein Arbeitsschwerpunkt des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg/Niederrhein ist. Der KDA der EKiR stellt Beziehungen her zwischen Kirche und Unternehmen sowie Institutionen der Arbeitswelt. In der Arbeit des KDA werden soziale, ökonomische und ökologische Herausforderungen mit sozialethischen Fragestellungen verknüpft. Maßstab dafür gibt das Evangelium von Jesus Christus und die darin begründete biblisch-christliche Orientierung an Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Gebürtiger Duisburger
Zum Zusammenhang von Bildungs- und Sozialfragen gab Präses Schneider, selbst gebürtiger Duisburger, beim ersten "Marxloher Gespräch" ein anschauliches Beispiel aus der eigenen Familie: "Meine Frau und ich können unseren Kindern ganz gut bei den Hausaufgaben helfen. Meine Eltern konnten das nicht - und ich war der Einzige aus der Siedlung, der durchkam!"
Jetzt beim ersten "Marxloher Gespräch" in der gut gefüllten Kreuzeskirche diskutierten Präses Schneider und Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft, über "Die Zukunft des Sozialstaates". Beide waren sich zunächst sehr einig als entschiedene Verfechter des Sozialstaates, schon alleine durch das gemeinsame christliche Menschenbild von der unveräußerlichen Menschenwürde des einzelnen. Auch wenn der Sozialstaat aufgrund sich ändernder Rahmenbedingungen einen immer schlechteren Ruf habe, sei er eine Erfolgsgeschichte.
Es dauerte fast zwei Stunden, bis aus dem freundlichen Geplänkel das angestrebte Streitgespräch wurde. Als der Ökonom meinte, der Markt werde schon alles richten, auch wenn die Nebeneffekte natürlich unangenehm seien, konterte Präses Schneider trocken: "Das sind mir zu viele Opfer, es ist alles eine Frage des Maßes" und bekam dafür viel Beifall. Überhaupt kommt der soziale Optimismus der Wirtschafts-Theoretiker offenbar in der Bevölkerung ganz anders an: Moderatorin Asli Sevindim, selbst ein Marxloher "Gewächs", zitierte aus einer aktuellen Studie, wonach 93 Prozent der Deutschen einen sozialen Abstieg befürchten.
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