Duisburg: Mietfreie Kulturhauptstadt
VON INGO HODDICK - zuletzt aktualisiert: 30.05.2009Duisburg (RPO). Der Künstler Jochen Gerz hat Menschen aus aller Welt eingeladen, im Kulturhauptstadtjahr 2010 für ein Jahr Wohnungen in Duisburg-Hochfeld mietfrei zu bewohnen und gemeinsam an einem Text zu schreiben.
"Das Ruhrgebiet hat die dichteste kulturelle Infrastruktur der Welt. Aber wo kann man das sehen an den Leuten? Was ist Kultur?" Der Künstler Jochen Gerz, der schon bei den Duisburger Akzenten 2006 erfolgreich in unserer Stadt arbeitete ("Tausch der Tabus"), will die Kunst aus den Museen "kidnappen" (Gerz) und in die Wirklichkeit bringen.
Zu diesem Zweck hat er Menschen aus aller Welt eingeladen, im Kulturhauptstadtjahr 2010 für ein Jahr Wohnungen in Duisburg, Dortmund und Mülheim mietfrei zu bewohnen. Ausgewählt wurden "normale" Straßen ohne Sehenswürdigkeiten und Vorkommnisse. Als Pionier des Projekts konnte Duisburg als erste Stadt mit maßgeblicher Hilfe der städtischen Wohnungsgesellschaft GEBAG 20 Wohnungen in der Sankt-Johann-Straße/Ecke Saarbrücker Straße in Hochfeld zur Verfügung stellen.
Jochen Gerz
Jochen Gerz, geboren 1940 in Berlin, zählt zu den international bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Für ihn ist der Einzelne nicht länger Publikum, sondern Teil des entstehenden Kunstwerks. Es geht ihm um die Ästhetik der Demokratie.
"2-3 Straßen" ist der jüngste Streich eines Künstlers, der vor allem mit seinen Arbeiten für den öffentlichen Raum das Verhältnis zwischen Kunst und Betrachter radikal verändert hat. Dazu zählt etwa das skeptische "Mahnmal gegen Faschismus" (1986 - 1996) in Hamburg, das mit jedem Eintrag weiter in den Boden versunken ist.
Durchschnittsalter 36
Die vielen Museen im Ruhrgebiet hätten den Input gegeben, erklärte Jochen Gerz gestern gegenüber der Presse, "jetzt wollen wir die Ressourcen abrufen". Auf 100 gesponsorten Laptops dürfen die "neuen Bewohner" an einem gemeinsamen Text schreiben, der später in einem literarischen Verlag veröffentlicht werden soll. Es haben sich 1405 Menschen beworben, ihr Durchschnittsalter beträgt 36 Jahre. 61 Prozent von ihnen sind Männer, 75 Prozent Akademiker. 32 Prozent haben sich für Duisburg entschieden.
Babel-Pfingsten
Viele Bewerbungen kommen aus Nordrhein-Westfalen und Deutschland, vor allem aus Hamburg, Berlin und München. Aber auch aus 30 Staaten in aller Welt, von Ägypten bis zu den USA, kamen Bewerbungen, darunter aus Metropolen von Amsterdam über New York und Shanghai bis Wien. Die jetzt noch gut 200 Bewerber "jurieren sich selbst", meinte der Künstler gestern, das heißt, sie stellen bis zum Beginn des Projekts noch selber fest, ob sie dafür geeignet sind.
42 Sprachen sind bei "2-3 Straßen" vertreten. Knapper Kommentar des Künstlers Jochen Gerz gestern beim Pressegespräch dazu: "Babel-Pfingsten!"
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