Duisburg: Mit Fingerspitzengefühl gegen Brustkrebs
VON FREDERIK HAFERKAMP - zuletzt aktualisiert: 08.09.2009 - 10:28Bei Marie-Luise Voll geht es täglich um Zentimeter. Behutsam tastet die 56-Jährige die Brüste ihrer Patientinnen ab. Sie sieht nicht, was sie täglich tut, denn sie ist blind. Voll arbeitet als Medizinische Tastuntersucherin (MTU) und ist eine von neun in Deutschland.
Bei der Untersuchung geht Voll systematisch vor. Zuerst wird die Brust der Patientin durch Klebstreifen von einem halben Zentimeter Breite in ein Koordinatensystem eingeteilt. "Ich klebe einen Streifen oberhalb der Brust, unter jede Achselhöhle und von oben herunter frontal auf die Brust. Dies erleichtert es dem Arzt, die genaue Fundstelle für die weitergehende Untersuchung zu finden", berichtet die 56-Jährige.
Durch unterschiedliche Druckintensität kann Voll auch in tiefere Gewebe hinein spüren. "Ich stelle jedoch keinen Befund, das kann ich gar nicht. Ich sage nur, wie es sich für mich anfühlt", sagt Voll. Im Anschluss an die Untersuchung dokumentiert sie die Ergebnisse am Computer.
Rund eine halbe Stunde dauert die Untersuchung, je nach Größe der Brust auch darüber hinaus. Zeit, die der Arzt nicht hat. "Bei dem Kostenbudget der Krankenkassen habe ich keine Zeit, so intensiv eine Untersuchung vorzunehmen", sagt Frank Hoffmann, Gynäkologe aus Duisburg, der das Projekt "Discovering Hands" (Entdeckende Hände) 2006 mit dem Berufsförderungswerk Düren und dem Landschaftsverband Rheinland entwickelt hatte.
Für Ulrike E. (Name geändert), die sich in einer Hamburger Praxis untersuchen ließ, fühlte es sich eher wie eine Massage an. Die Lehrerin hatte auch keine Angst vor der Untersuchung: "Ich war eher neugierig, und es ist mir nicht unangenehm. Sonst geht es beim Arzt ja immer sehr schnell, aber hier habe ich das Gefühl, dass man sich Zeit nimmt. Außerdem kommt es mir so vor, als wäre das alles gründlicher und gibt mir ein größeres Gefühl von Sicherheit."
"Blinde Frauen haben aufgrund ihres Handicaps ein besseres Gespür. Behinderte machen somit aus ihrer Behinderung eine Begabung", erläutert Gynäkologe Hoffmann. Das bestätigten auch Neuropsychologen. Blinde hörten und tasteten überdurchschnittlich gut, weil sie diese Sinnessysteme über lange Zeit geschult hätten, sagt die Hamburger Wissenschaftlerin Brigitte Röder.
Viel Wert legt Hoffmann auf den Austausch mit seiner MTU. "Wir arbeiten immer im Team. Der Arzt delegiert die Aufgaben. Findet die MTU etwas, informiert sie mich." 25 Euro kostet die Untersuchung.
Bislang bezahle nur eine Krankenkasse die Kosten. "Wir hoffen, dass auch andere Kassen irgendwann die Kosten übernehmen", sagt Hoffmann. Aber es gibt auch Skepsis gegenüber dem Projekt. So ersetze eine Tastuntersucherin keine Mammografie, betonte unlängst Peter Potthoff vom Berufsverband der Frauenärzte.
Ausgebildet wurde Marie-Luise Voll beim Berufsförderungswerk in Düren - sieben Monate Theorie und zwei Monate Praxis. Zum Abschluss legte sie eine Prüfung vor der Ärztekammer ab. Dabei ging es in der Ausbildung nicht nur um die reine medizinische Tastarbeit, sondern auch um soziale Fähigkeiten.
Dabei absolvieren die künftigen MTUs mehr als 200 Stunden Kommunikationstraining. Sie sollen den Frauen die Untersuchung erleichtern, Ängste nehmen und beruhigen. Dass nicht nur die Patientinnen aufgeregt sind, sondern auch die Tastuntersucherinnen, ergibt sich aus dem schwierigen Aufgabenbereich. "Das geht nicht spurlos an einem vorüber, das ist schon belastend, wenn man erahnt, dass da etwas Böses ist", sagt Voll.
Dennoch ist sie froh, dass sie den Job hat. Als Krankenschwester hatte sie bereits umfangreiche Erfahrungen im medizinischen Bereich gesammelt. Durch die Erkrankung am grünen Star musste sie allerdings ihren Beruf aufgeben.
Jährlich erkranken in Deutschland rund 50 000 Frauen an Brustkrebs, 18 000 sterben daran. "Je früher der Tumor erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen", betont Frauenarzt Hoffmann. Dennoch wird es künftig nicht in allen Frauenarztpraxen Tastuntersucherinnen geben. "Es gibt zu wenig geeignete Frauen. Nicht jede Blinde erfüllt die Anforderungen. Hat jemand Diabetes und ist aufgrund dessen blind, so ist auch das Gefühl in den Fingerspitzen erloschen", sagt Hoffmann.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






