Nach der Loveparade-Katastrophe: Pleitgen – der erschütterte Macher
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 22.08.2010 - 21:53Nach der Loveparade-Katastrophe (RPO). Der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen ist Chef der Ruhr 2010. Er ist zugleich einer ihrer wichtigen Ideengeber. Das "Still-Leben" auf der Autobahn 40 etwa hat Pleitgen erfunden. Doch seit der Loveparade-Katastrophe ist auch für ihn vieles anders geworden.
Die Kulturhauptstadt entlang der Ruhr ist sein Ding geworden, vielleicht einer seiner späten und dann auch großen Träume. Das galt bis zur Jahresmitte. Bis die Loveparade in Duisburg daraus einen Alptraum machte – mit jener Katastrophe im Tunnel, bei der 21 junge Menschen aus ihrem Leben gerissen wurden.
Dieser 24. Juli 2010 ist zur Zäsur eines Projekts geworden, von dem sich auch Fritz Pleitgen viel für seine Heimat und erst recht für seine Geburtsstadt Duisburg versprochen, erhofft hatte: Ja doch, etwas mehr Selbstbewusstsein und neue Aufmerksamkeit für die Region – vielleicht gar eine gute Zukunft jenseits der langlebigen Klischees von Kohle und Stahl und Ruß und Dreck.
Es war Pleitgens Idee – zu später Stunde und bei einigen Gläsern guten Weins gemeinsam mit Intendant Jürgen Flimm ersonnen – die A 40 für ein großes Still-Leben einen Tag lang zu sperren. Ein paar Millionen Menschen kamen und staunten über so viel unverhofften Landgewinn in ihrem Revier. Unter schönem Sonnenschein wurde daraus ein großes, fröhliches Ereignis. Pleitgen schien auf dem Höhepunkt seines auch emotionalen Erfolgs zu sein.
Der aber dauert nur eine Woche; der Erfolg reichte gerade bis Duisburg, bis zu jener Stadt, in der Pleitgen als fünftes Kind eines Kruppianers 1938 geboren wurde. Am Vormittag dieses Schicksalstages sind wir in der alten Montan- und noch älteren Hansestadt verabredet, sitzen am Rande der Loveparade in einem Café, das aus Sicherheitsgründen an diesem Tag geschlossen hat, das aber den beiden abstrus normal gekleideten Herren dennoch eine Apfelschorle serviert.
Pleitgen hat im Gewirr des Loveparade-Aufmarsches nur mit Mühe die Sperren der Ordnungskräfte passiert – eine kleine Meisterleistung ohne Ausweis. Pleitgen nennt das "Gesichts-Akkreditierung", die zwar nicht mehr so gut wie früher funktioniert, aber wenigstens noch bei ein paar älteren Beamten.
Wieder scheint die Sonne, die ersten Floats ziehen tosend hinter uns vorbei. Und überall viel junges und friedliches Volk. Pleitgen freut sich: auf die Loveparade direkt vor seiner Nase und gleich danach auf einen kurzen Toskana-Urlaub mit seiner Familie, der nach dem Wochenende endlich kommen soll. Bis dahin war er für Ruhr 2010 über 70 Stunden im Einsatz – Woche für Woche. Man müsse halt mit seinem Alter Schritt halten, hat Ehefrau Gerda ihrem 72-jährigen Gatten sehr bodenständig mit auf den Weg zum nächsten Termin gegeben.
Dass wir uns nur 20 Stunden nach dem Café-Gespräch aber erneut sprechen werden, ist nicht vorgesehen; wie so vieles Andere und Furchtbare auch an diesem Wochenende. Unvorstellbar, dass wir jetzt über Tote reden müssen, über großes Versagen und Schuld, über Verantwortung und das Unbegreifliche. Pleitgen hatte von der Katastrophe daheim bei Köln gehört, war sofort zurückgekehrt nach Duisburg und hatte im Gespräch mit seinem Fahrer einen ersten Eindruck von dem Leid, der Sorge und Angst gewinnen können. Denn vergeblich versuchte dieser, einen Verwandten auf der Loveparade zu erreichen. Das gestörte Netz ließ die Verzweiflung aus Ungewissheit Minute um Minute größer werden.
Pleitgen kommt nicht als Retter oder Aufklärer nach Duisburg. Und er wird diese Rolle auch in den nächsten Tagen, den nächsten Interviews und Fernsehauftritten nicht einnehmen. "Moralische Veantwortung" – sicher, die übernimmt er. Und wer in Pleitgens Gesicht schaut, sieht, dass das nicht einfach so dahin- und in irgendwelche Mikrophone hineingesprochen ist. Doch er ist auch Chef dieser kulturhauptstädtischen Riesenunternehmung; die hat gerade Halbzeit. Und auch dafür trägt er Verantwortung und sagt darum immer und immer wieder, dass Ruhr 2010 weder finanziell noch organisatorisch an der Loveparade beteiligt war. Alles richtig, doch all das hört sich in diesen Momenten wie die Flucht der vielen anderen an.
Keine Frage, die Zeit nach dem 24. Juli ist für Fritz Pleitgen zu einer schwierigen geworden. Das ist hoch gegriffen bei einem Reporter, der auf verschiedenen Kriegsschauplätzen schon manches erleben musste, auf Zypern etwa, im Sechs-Tage-Krieg – und in seiner Jugend. Die ersten Wahrnehmungen als Kleinkind, sagt Pleitgen, sind Flammen gewesen und das grelle Sirenengeheul. Weil die Mutter erkrankte, musste er die ersten Lebensjahre in einem Essener Kinderheim verbringen.
"Die schwierige Zeit war gleich am Anfang", so Pleitgen. Aber dann folgt etwas, was man ein geglücktes Leben nennt. Es scheint, als habe Pleitgen für sich das meiste beneidenswert richtig gemacht. Selbst den frühzeitigen Schulabbruch. Die Eltern wollen, dass aus ihrem Fritz was wird; "aber da haben sie die Rechnung ohne mich gemacht". Den ersten Fußballbericht schreibt er mit 14 für den Lokalteil in Bünde. "Eine Art dreiteiligen Schulaufsatz" gibt er der Stenotypistin in der Redaktion durch. Am nächsten Tag erscheinen acht Zeilen, und keine ist von ihm.
Pleitgen ist ein ehrgeiziger Mensch, dabei aber nicht so sehr auf Hierarchien fixiert. "Ich möchte einfach, dass die Leute sagen, der hat seinen Job gut gemacht." Und dafür schuftet er mit Leidenschaft; Pleitgen wird ein Nachrichten-Junkie, der während seines Volontariats bei der "Freien Presse" in Bielefeld morgens im Ressort der Politik anfängt, am Nachmittag in die Wirtschaft wechselt und sich am Abend im Sport einfindet.
Pleitgen fällt früh auf, wechselt schon bald zum WDR und scheint oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: während des Kalten Krieges in Moskau, in der Reagan-Zeit in Amerika, "pünktlich" zum Mauerfall in Ost-Berlin. Sein Weg führt ganz weit nach oben, auf den Sessel des WDR-Chefredakteurs und Intendanten. Er erfindet Eins Live und den Wortsender WDR 5; er wird das Gesicht vom sonntäglichen Presseclub. Fast 300 Mal moderiert er die Journalisten-Runde.
Über zehn Jahre prägt er als Intendant seinen WDR, den er unumwunden "mein Leben" nennt. Die Trennung aber nimmt er mit rheinischer Selbstironie: "Na ja, die fanden mich alle ganz nett beim Sender. Aber irgendwie hatten die von mir auch die Nase gestrichen voll."
Pleitgen schmiedet viele Pläne. Die Kulturhauptstadt gehört nicht dazu, und vielleicht wird sie genau darum seine neue Zukunftsaufgabe. Mit Glück, Erfolg und reichlich "Intuition", sagt er. Hat genau die ihn mit der Loveparade verlassen? Die Katastrophe von Duisburg hat viel verändert – auch beim Macher Pleitgen. Seine Idee vom Still-Leben, die bunte Rückeroberung des urbanen Raumes, ist matt geworden. Am gleichen Tag hatte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eine Wiederholung des Festes angeregt. Nach Duisburg redet davon niemand mehr. Die schwierige Zeit seines Lebens sei gleich am Anfang gewesen, hat Pleitgen im sonnigen Café gesagt. Zumindest scheint seit Duisburg auch das Alter keine leichte Zeit für ihn bereit zu halten.
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