Genaue Zahl der Loveparade-Besucher: Raver lassen sich im Internet zählen
zuletzt aktualisiert: 30.07.2010 - 20:56Mit Techno-Musik und der Loveparade kann Sven Jansen eigentlich nicht viel anfangen. Doch als er vor knapp einer Woche nach der Loveparade-Katastrophe in Duisburg live im Fernsehen sah, wie auf einer Pressekonferenz führende Vertreter von Stadtverwaltung, Polizei und Veranstalter die zuvor veröffentlichen Zahlen von mehr als einer Million Besuchern nach unten korrigierten und von rund 105.000 Besuchern sprachen, die per Bahn angereist waren, packte ihn die Wut.
"Es ist eine Frechheit, so kleine Zahlen in den Mund zu nehmen", sagt der 38-Jährige. In diesem Verhalten sieht er einen "Abwiegelungsversuch", um das Problem der ankommenden Besuchermasse "runterzuspielen".
Aus Protest setzte sich der Internetexperte aus Erkrath an seinen Computer und baute die Internetseite www.loveparaderavercount.de, seit Sonntagabend ist sie online. Auf dem Online-Portal können sich Raver melden, die die Loveparade besucht hatten - bis Freitagmittag hatten sich mehr 166.600 Besucher gemeldet. "Sicherlich kann ich nicht alle mit dem Internet erreichen, aber ich denke schon, dass sich zwischen 300.000 und 400.000 Besucher der Loveparade melden werden", sagt Jansen.
Bei seiner Aktion geht es dem Gründer einer IT-Firma für Suchmaschinenoptimierung und Online-Marketing nach eigenen Angaben nicht vornehmlich darum, den umstrittenen Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) zum Rücktritt zu drängen. "Mit geht es darum, Druck zu erzeugen, damit dieses Ereignis nicht vergessen wird", sagt Jansen bei einem Besuch an der Unglücksstelle in Duisburg. Zugleich möchte er zeigen, welchen Druck die Öffentlichkeit durch die neuen Medien auf die Politik erzeugen kann und welche Macht sie haben, politische Diskussionen voranzutreiben.
Natürlich weiß Jansen, dass er bei seiner Aktion auch auf die Ehrlichkeit der Internetnutzer angewiesen ist. Zwar ist pro IP-Adresse eines Computers nur eine Registrierung möglich, aber Internetuser könnten natürlich einfach über einen zweiten Rechner eine weitere Registrierung durchführen.
Online-Kondolenzbuch
"Auf der anderen Seite habe ich aber auch Anfragen von Leuten, die sagen, dass sie zum Beispiel in einer Gruppe mit sechs Leuten unterwegs waren. Die konnten dann natürlich bei einer Registrierung auch nicht alle gezählt werden", betont Jansen. Insofern hoffe er, dass die ermittelte Zahl in etwa die Zahl der Besucher widerspiegelt.
Jansen selbst war am vergangenen Samstag nicht auf der Loveparade, er war auf der Geburtstagsfeier seiner Schwester. Als er zurück nach Erkrath fuhr, sah er dann zahlreiche Krankenwagen und hörte im Radio die Meldungen über das Unglück, bei dem 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. Zudem hat er eine persönliche Beziehung zu dem Vorfall, weil der Tunnel und das Veranstaltungsgelände nicht weit vom Wohnort seiner Eltern liegen. "Es ist unverantwortlich, dass dieses Gelände hier für die Veranstaltung genehmigt wurde", sagt er.
Neben der Registrierung der Loveparade-Besucher hat Jansen auch ein Kondolenzbuch online gestellt, in das die Internetuser ihre Gedanken und Kommentare eintragen können. Mehr als 650 Seiten waren bis zum Freitagmittag gefüllt. In den meisten Einträgen sprachen die User den Hinterbliebenen und Freunden der Toten ihr Mitgefühl aus.
Doch auch Kritik an der Stadt und den Veranstaltern wird immer wieder laut: So bezeichnet Stephan aus Duisburg die Verantwortlichen als "verlogene Bande". Andere werfen noch einmal einen Blick auf das Ereignis und die persönlichen Erlebnisse. "Das, was passiert ist, ist einfach nur der pure Horror", schreibt Marike aus Datteln. Sie schließt mit den Worten: "Es war der schlimmste Tag meines Lebens."
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