Duisburg: Sehende Hände
VON SANDRA KAISER - zuletzt aktualisiert: 17.05.2008Duisburg (RPO). Die 33-Jährige leidet unter einer Erbkrankheit, die sie langsam erblinden ließ. Beruflich hatte sie aufgrund ihrer Behinderung nur wenige Optionen. Dann hörte sie vom dem Projekt „Discovering Hands“ – und ließ sich zur Medizinischen Tastuntersucherin ausbilden. Ein völlig neues Berufsfeld.
Millimeter für Millimeter arbeitet sich Miroslawa Gräßer vor. Mit sanftem Druck wandern ihre Finger langsam über die linke Brust der Patientin. Bis tief in die Achselhöhle hinein und hinauf ans Schlüsselbein suchen die Finger der 33-Jährigen nach Knoten oder Zysten, nach Verhärtungen, nicht verschiebbaren oder warmen Stellen, die auf Brustkrebs hindeuten könnten. Dabei orientiert sie sich immer an den bunten Streifen, die sie auf die Brust der Frau geklebt hat. Sie dienen der Blinden als Koordinatensystem. Entdeckt sie etwas, kann sie die Stelle punktgenau benennen.
Patricia Bieniek lässt die Prozedur entspannt über sich ergehen. „Ich gehe regelmäßig zur Krebsvorsorge. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt die 32-Jährige. Sonst dauert die Tastuntersuchung nur wenige Sekunden. Nun liegt sie schon 20 Minuten auf der Pritsche – mal auf der Seite, mal auf dem Rücken. In der Obhut von Miroslawa Gräßer fühlt sie sich gut aufgehoben. Denn die ärztliche Hilfskraft lässt sich viel Zeit für sie, stellt Fragen nach Körpergröße, Gewicht, Erkrankungen in der Familie und lässt sie sogar selbst tasten. „Ich zeige ihr, worauf sie zu Hause vor dem Spiegel achten muss“, erklärt Gräßer. Denn jede Brust sei anders. Nur wer wisse, wie sich die eigene anfühle, könne eventuelle Veränderungen feststellen.
Der Tastsinn von Miroslawa Gräßer ist besonders ausgeprägt. Die 33-Jährige ist blind, kann nur noch hell und dunkel unterscheiden. Sie leidet unter einer schleichenden Erbkrankheit, die festgestellt wurde, als sie ungefähr sechs Monate alt war. „Mit zehn Jahren musste ich die Blindenschrift erlernen, weil es überhaupt nicht mehr ging“, erinnert sich die Monheimerin. Mehr und mehr musste sie sich auf ihre übrigen Sinne verlassen, die mittlerweile um so geschulter sind.
Beruflich hatte Gräßer nicht viele Möglichkeiten. Zuletzt arbeitete sie als Telefonistin in einer Taxizentrale, aber ihr Traumberuf war das weiß Gott nicht. Da erfuhr sie eines Tages von dem Modellversuch „Discovering Hands“ des Duisburger Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann. „Ich hörte, dass er für ein Pilotprojekt blinde Frauen sucht, die sich zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) ausbilden lassen wollen“, erzählt sie. „Die Rede war von einem völlig neuen Berufsfeld, das da etabliert werden sollte. Ich sah das als Riesenchance und war sofort Feuer und Flamme, obwohl ich mit Medizin bis dato nichts am Hut hatte.“ Das sollte sich schnell ändern: Die 33-Jährige kontaktierte Hoffmann und erklärte sich bereit, bei dem Projekt mitzumachen.
Dann ging alles Schlag auf Schlag. Am Anfang stand die theoretische Ausbildung im Berufsförderungswerk Düren, einer Einrichtung für Blinde und Sehbehinderte. Gemeinsam mit einer ebenfalls sehbehinderten Frau paukte sie Grundlagenwissen aus einem blindengerechtes Lehrbuch. Anatomie, Pathologie, Gynäkologie, Diagnostik. Dazu kam ein spezielles Kommunikationstraining, das sie fit machen sollte für den Umgang mit Ärzten und Patienten. Dann die Prüfung vor der Ärztekammer, die die beiden mit Bravour bestanden. Es folgte der praktische Teil der Ausbildung: Einen Monat verbrachte Gräßer im Bethesda-Krankenhaus, acht Wochen in einer gynäkologische Praxis in ihrer Heimatstadt Monheim. Auch die praktische Prüfung bestanden sie und ihre Kollegin. Miroslawa Gräßer arbeitet nun fest in der Monheimer Praxis und bildet zusätzlich bei Dr. Hoffmann in Walsum neue MTU’s aus.
Bei Patricia Bieniek ist alles in Ordnung. Gräßer hat keine Auffälligkeiten gefunden. Ihre Patientin ist natürlich erleichtert – und vollauf zufrieden. „Gut, dass ich heute frei habe“, scherzt sie. „Wer rechnet schon damit, dass sich jemand so viel Zeit nimmt?“ Sie fühle sich viel sicherer als nach den Untersuchungen der vergangenen Jahre. „Ich werde auf jeden Fall wiederkommen und Sie auch weiterempfehlen“, sagt sie beim Abschied. Miroslawa Gräßer freut sich über das Lob. Sie möchte den Frauen vor allem die Angst vor dem Abtasten nehmen. „Es ist wichtig, genau auf Veränderungen zu achten“, erklärt sie. Und selbst wenn man etwas entdecke: In den meisten Fällen seien die Knoten gutartig.
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