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Wie die Stadt Duisburg die Loveparade plante: Sicherheit stand nicht im Mittelpunkt

VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 15:24

Die Planungen für die Loveparade begannen in Duisburg im Jahr 2007. Zahlreiche Gruppen und Ausschüsse waren an den Planungen beteiligt. Die Diskussion drehte sich dabei allerdings weniger um die Sicherheit der Besucher als um die Finanzierung des Massen-Events. Wer die Entscheidung traf, dass es nur einen Eingang geben sollte, bleibt unklar. 

Die Diskussion um die Loveparade hat in Duisburg bereits eine lange Geschichte. Bereits vor drei Jahren, am 11. Juni 2007, hatte der Rat der Stadt einstimmig den Beschluss gefasst, die Loveparade in Duisburg auszurichten. Der Rat hatte damals dem Abschluss einer Rahmenvereinbarung mit der veranstaltenden "Lopavent GmbH" zugestimmt.

Dieser Beschluss sorgte in Duisburg für jahrelange Debatten. Im Mittelpunkt standen häufig die Kosten. Im Januar 2010 stand die Loveparade gar vor dem Aus. In der hochverschuldeten Kommune fehlte das Geld. SPD-Ratsherr Herbert Eickmanns glaubt sich erinnern zu können, die Zustimmung zu der Parade sei mit der Auflage verknüpft gewesen, die Veranstaltung dürfe für die Stadt nichts kosten. Das war aber nie Gegenstand der Vereinbarung mit Lopavent, die Übernahme der Reinigung der Veranstaltungsgebietes hatte Duisburg beispielsweise zugesagt. 

"Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen", erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung Ruhr.2010.GmbH, Fritz Pleitgen Anfang Februar. Diese Aussage wiederholte Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland noch zwei Stunden vor der Katastrophe am Samstag vor WDR-Kameras im Loveparade-Lagezentrum mit Blick auf den Veranstaltungsort. "In diesem Jahr waren wir einfach in dem Zwang, es hinkriegen zu müssen, denn sonst wäre die Loveparade entgültig gestorben fürs Ruhrgebiet", sagte Sauerland. Im Sommer zuvor war schon das Mega-Event in Bochum abgesagt worden - vor allem wegen Sicherheitsproblemen.

In Duisburg soll mit der konkreten Ausarbeitung eines Sicherheitskonzepts erst nach den Paraden in Essen (2007) und Dortmund (2009) begonnen worden sein. An den Sicherheitsgesprächen waren unter anderem die Polizei Duisburg, die Autobahnpolizei, das städtische Dezernat für Recht und Sicherheit, Feuerwehr und Zivilschutzamt, das Ordnungsamt, die Bahntochter Aurelis, die Bahn AG, der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und die Duisburger Verkehrsgesellschaft beteiligt.

Als Genehmigungsbehörde musste die Stadt Duisburg als letzte Instanz dem Sicherheitskonzept, das am Samstag in die Katastrophe führte, genehmigen - und tat das auch. Wer letztendlich die entscheidende Unterschrift für das Okay gab, ist noch nicht bekannt. Allerdings können dafür nur der Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe, Oberbürgermeister Adolf Sauerland oder der Oberstadtdirektor Peter Greulich in Frage kommen, weil so eine weitreichende Entscheidung nur von der Stadtspitze getroffen werden kann.

Noch vor einem Jahr warnte der damalige Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin, der mittlerweile im Ruhestand ist, öffentlich vor einer Durchführung der Loveparade wegen "erheblichen Sicherheitsbedenken." "In Duisburg eine Veranstaltungsfläche für 500.000 oder mehr Menschen zu finden, inklusive eines geordneten An- und Abreiseverkehrs, ist nicht einfach", sagte Cebin im Februar 2009.

Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht genau fest, ob die Loveparade auf dem alten Güterbahnhof Duisburg stattfinden wird. Dennoch musste der damalige Polizeichef für seine Äußerungen viel Kritik einstecken. Der damalige CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Mahlberg forderte in einem Schreiben an den Innenminister seinen Rücktritt. "Es reicht!" Das Fass des Erträglichen habe er damit überlaufen lassen, so Mahlberg damals. Der CDU-Politiker befürchtete einen Imageschaden für Duisburg durch die Aussagen des Polizeichefs.

Am 16. Dezember 2009 äußerte sich der Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe im Duisburg Kulturausschauss zum Sicherheitskonzept. "Die Loveparade-Besucher müssen davon abgehalten werden, über die Gleise zum nahe gelegenen Veranstaltungsort zu laufen. Zäune, Sichtschutzvorrichtungen und Hinweisbanner sind zu errichten." Weiter müssten noch die Gebäude auf dem Aurelis-Gelände gesichert werden. Und falls doch der Zugverkehr zusammenbrechen sollte, müssen Notfall-Pläne in der Schublade mit Pendelbus-Verbindungen liegen. Das Loveparade-Gelände war am Wochenende mit Zäunen umfangreich abgesperrt und verfügte für die Besucher nur über einen Zugang.    

Für Rainer Wendt, Vorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft, liegt die Schuld für die Tragödie bei den Verantwortlichen der Stadt Duisburg. "Die Stadt hat den Sicherheitsplan schließlich genehmigt. Aber auch der Veranstalter Lopavent ist mitverantwortlich", sagte Wendt im Gespräch mit unserer Redaktion.

Bereits vor einem Jahr habe Wendt öffentlich davor gewarnt, die Loveparade in Duisburg stattfinden zu lassen. "Duisburg ist für so eine Großveranstaltung einfach zu klein, die Straßen sind zu eng für solche Menschenmassen. Das Sicherheitskonzept mit nur einem Zugang hätte niemals genehmigt werden dürfen." Laut Wendt soll es von der Polizei möglicherweise alternative Sicherheitskonzepte mit mehreren Eingängen gegeben haben, die aber aus bislang unbekannten Gründen abgelehnt worden sein sollen.

Ein Einsatzleiter der Polizei, der am Samstag die Tragödie miterlebte, war bei den Sicherheitsgesprächen dabei. "Unsere Meinung wurde ignoriert. Alle Einwände, die wir hatten, wurden nicht gehört. Wir haben immer wieder auf die Gefahr mit einem Zugang gewarnt. Selbst in mit 80.000 Menschen gefüllten Fußballstadion gibt es unzählige Ein- und Ausgänge. Aber auf unsere Erfahrung wollte man nicht setzen."

Im Oktober 2009 soll auch die Duisburger Berufsfeuerwehr ihre Sicherheitsbedenken gegen die Loveparade in einem internen Vermerk an die Verantwortlichen der Stadt artikuliert haben. Es sei gefährlich, die Besucher durch den Tunnel zu schicken, zitiert die Kölner Rundschau aus dem Papier, auf dass es keine Reaktion gegeben habe.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg wertet derzeit mit sechs Mitarbeitern die vom Veranstalter "Lopavent" und der Stadt Duisburg beschlagnahmten Akten über das Sicherheitskonzept aus. Derzeit liefen die wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung eingeleiteten Ermittlungen weiter gegen Unbekannt, sagte ein Sprecher. Erst nach Auswertung des Materials lasse sich sagen, ob sich die Beweise  zu Lasten einzelner Verantwortlichen bei der Genehmigung, Organisation und Ausführung der Veranstaltung verdichten.


 
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