Duisburg: Studenten feiern Scholl-Latour
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 04.12.2009 - 13:56Duisburg (RPO). Zugegeben, Peter Scholl-Latour nuschelt ein wenig. Das ist seit Jahrzehnten gewissermaßen sein Markenzeichen. Das allein war aber gewiss nicht der Grund, weshalb die mehr als tausend Zuhörer im hoffnungslos überfüllten Audimax der Duisburger Universität förmlich an den Lippen des Journalisten und Publizisten hingen, der wie kein anderer als Fachmann in allen Fragen wirklich allen (!) Fragen der islamischen Staaten gilt.
Und Scholl-Latour wurde bei seiner ersten Vorlesung als Mercator-Professor seinem Ruf gerecht. Er wurde schließlich von den Studenten gefeiert wie kaum ein anderer Gastredner im größten Hörsaal auf dem Duisburger Campus.Peter Scholl-Latour zog zwar einige Notizen aus seinem Jacket, sprach aber ansonsten frei. Schon erstaunlich, wie er den Luftangriff von Kundus so einschätzte, wie es nahezu zeitgleich auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin tat. Scholl-Latour, der gelegentlich Politikern ein „hohes Maß an Ignoranz” vorwirft, scheint zu Guttenberg zu schätzen. Nebenbei forderte der Mercator-Professor eine Neustrukturierung der Bundeswehr.
Scholl-Latour scheint über die Hintergründe auch kompliziertester politisch-religiöser-ethnischer Verstrickungen bis in die Details informiert zu sein. Souverän rekapituliert er Zusammenhänge und lässt Regierungen, die davon anscheinend keine Ahnung haben, schlecht aussehen. Der deutschen Regierung wirft er eine schwache Außenpolitik und das Fehlen von Strategien vor.Scholl-Latour wies besonders nachdrücklich darauf hin, dass es für islamische Menschen in Afghanistan und anderswo unerträglich sei, dass „bewaffnete Ungläubige” ihr Land kontrollieren wollen. Der Westen könne in diesen Krisengebieten „nicht die Aufgabe einer Nationbildung übernehmen”. Die Vorstellung, dass man in den islamisch-geprägten Konfliktstaaten demokratische Strukturen einschleust und anschließend mit diesen Staaten florierende Geschäfte macht, sei naiv.Gerne stellte sich Scholl-Latour nach seinem Vortrag Fragen des Publikums.
Der Rolle eines Gurus, der stets den richtigen Weg zu weisen weiß, widersetzte sich der gelehrte Referent. Scholl-Latour ist ein Analytiker und Diagnostiker, ein Welt-Therapeut ist er nicht. Auf die Frage, wie man die beiden in Libyen festgenommenen Schweizer wieder freibekommen kann, meinte er lapidar: „Die Entscheidung zum Minarett-Verbot macht die Sache nicht einfacher.”
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