Duisburg: Tanz im Schwurgerichtssaal
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 29.10.2008Duisburg (RPO). Die Duisburger Literaturwissenschaftlerin und Tänzerin Bettina Rutsch zeigte im Duisburger Landgericht eine beeindruckende choreografische Interpretation nach Franz Kafkas „Der Prozess“.
Die Zuschauerbänke des großen Schwurgerichtssaals im Duisburger Landgericht waren voll besetzt, als Josef K. der Prozess gemacht wurde, nur weil jemand ihn verleumdet hatte. – Mit solchen Worten könnte man den ungewöhnlichen Abend mit der Tänzerin und Literaturwissenschaftlerin Bettina Rutsch beschreiben.
Überzeugende Körpersprache
Die kreative Duisburgerin überschrieb ihre Performance selber durchaus präzise mit: „Der Prozess – Tanz, Literatur, Theater nach einer Lektüre des gleichnamigen Romans von Franz Kafka.“ Bettina Rutsch ließ sich von Kafkas Romanfragment zu einer darstellenden Interpretation inspirieren, deren Dramaturgie offen für verschiedene Genres war. Mal per Tonband, mal live wurden Passagen aus dem „Prozess“ oder aus Kafkas Tagebüchern zitiert, wobei die Tagebuch-Zitate mit kratzenden Schreibgeräuschen unterlegt wurden. Körpersprachlich deutete Bettina Rutsch die mal schüchternen, mal energischen Verteidigungsversuche des Angeklagten Josef K., der sich zu entwinden sucht, sich dabei aber immer stärker in ein Verfahren verstrickt, dessen Struktur auf Verstrickung hin angelegt ist.
Feinfühlig deutete sie durch Gestik, Mimik, Haltung sowie dynamische und bisweilen auch verzögernde choreografische Elemente die aufkeimende und dann wieder schwindende Hoffnung des „Angeklagten“ an. Die Bewegungsmuster wirkten auch deshalb besonders eindrucksvoll, weil der Schauplatz der künstlerischen Darbietung kein künstlicher, sondern ein wirklicher Schwurgerichtssaal war. Bettina Rutsch nutzte als Bühne zusammengestellte Gerichtstische, stieg auf die Stühle, wo sonst Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Angeklagte sitzen. Bisweilen verließ sie die Rolle des Josef K., des Protagonisten aus Kafkas Romanfragment, spielte eine verhärmte Putzfrau, die das Mobilar zu reinigen sucht.
Einmal zitierte Bettina Rutsch, die Kafka-Vorlage ausbauend, die berühmten Verse des verzweifelten Gretchens aus Goethes Faust („Meine Ruh’ ist hin/ Mein Herz ist schwer/ Ich finde sie nimmer/ Und nimmermehr“). Großes Lob gebührt auch der Musik. Thorsten Töppe und Guido Bleckmann sorgten für atmosphärisch überzeugende Klänge. Und die jiddischen Lieder und Stücke aus der Klezmer-Tradition passten vorzüglich zu den Texten Kafkas, der sich in den letzten Jahren seines kurzen Lebens mit dem Ostjudentum beschäftigt hatte.
Gelungen war dieser ungewöhnliche und vielschichtige Kafka-Abend, der am best-möglichen Ort stattfand, nicht zuletzt deshalb, weil er sowohl die Kafka-Kenner als auch die unvorbereiteten Zuschauer ansprach, die den „Prozess“ nur vom Hören-Sagen kannten.
Schön, dass man im Duisburger Landgericht so offen für Kulturveranstaltungen ist.
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