Duisburg: Toter Rocker ist "Bandido forever"
zuletzt aktualisiert: 18.10.2009 - 13:32Mehr als 1000 Trauergäste sind am Samstagvormittag nach Gelsenkirchen zur Beerdigung des in Duisburg auf offener Straße erschossenen 32-jährigen Bandido-Mitglieds gekommen. Die Polizei hatte alles im Griff, die Rocker blieben friedlich. Von Duisburg aus fuhren Hunderte „Bandidos” auf ihren Motorrädern in einem Konvoi nach Gelsenkirchen. Das befürchtete Verkehrschaos blieb aus.
Kaum einer ist unter 1,90 Meter. Sie sind tätowiert, haben rasierte Schädel, sind muskelbepackt. Sie sagen von sich, dass sie die härtesten Männer Deutschlands sind. Ihr Zuhause ist die Straße. Die Mitglieder der Motorradgang „Bandido” stehen für Ehre, Brüderlichkeit und Disziplin. Aber sie können auch anders.
Hunderte von ihnen sind am Samstag nach Gelsenkirchen gekommen, um von ihrem „Bruder”, der am 8. Oktober im Duisburger Rotlichtviertel auf offener Straße erschossen wurde, Abschied zu nehmen. Insgesamt sind mehr als 1000 Trauergäste auf dem Friedhof. Unter ihnen Bandidos aus ganz Deutschland und Europa. Auch befreundete Motorradclubs (MC), Familienangehörige und Fans von Schalke 04 (der Tote war Fan des Revierclubs) sind da. Journalisten sind zugelassen, Fotografieren ist erlaubt, Filmen auch. Fragen dürfen aber keine gestellt werden. Die Polizei muss draußen bleiben.
Polizei mit Großaufgebot vor Ort
In einem riesigen Motorrad-Konvoi sind die meisten der Rockerbande von Duisburg aus geschlossen und unter Polizeiaufsicht über die Autobahnen A40, A3 und A2 angereist. Mit dieser Tradition wird in Rockerkreisen einem verstorbenen Bandenmitglied die letzte Ehre erwiesen. Das zuvor befürchtete Verkehrschaos blieb aus.
„Wir sind hier, um von unserem Bruder Abschied zu nehmen. Ich will keinen Ärger. Aber ausschließen, dass bald etwas passiert, kann ich nicht”, so ein Bandido aus Norddeutschland. Ein anderes Bandenmitglied sagte: „Keine Ahnung, ob bald was passiert.” Die Polizei hatte den Stadtteil wegen der verschärften Sicherheitslage mit einem Großaufgebot weiträumig abgesperrt.
Besonders scharf wurde das Vereinslokal der „Hells Angel” in Gelsenkirchen, das nur zehn Kilometer entfernt vom Friedhof liegt, von der Polizei bewacht. Grund: Der mutmaßliche Todesschütze, ein 31-jähriger Profikampfsportler, gehört den Hells Angels an. An fast jeder Straßenecke standen die Beamten. Von der Autobahnabfahrt A2 bis zum Friedhof Ortbeckstraße hatten sich zudem „Bandidos” in schwarzen Lederroben am Wegesrand postiert. Sie wirkten bedrohlich. Wie Türsteher vor einer Disco standen sie mit verschränkten Armen an Straßeneinmündungen. Sie demonstrierten damit: An uns kommt keiner vorbei. Die Polizei ließ sie in enger Absprache gewähren.
Die Polizei in Gelsenkirchen kennt sich aus mit Bandidos-Großveranstaltungen. In der Stadt heiratete schon der Vize-Präsident der Bandidos Europa, und auch der so genannte German-Run, ein Deutschland-Treffen aller Bandidos, fand schon in Gelsenkirchen statt.
Trauerandacht mit Musik
Mit ihren Motorrädern (Marke Harley Davidson) sind die Rocker auf den Friedhof gefahren. Vor der großen Trauerhalle dann die Andacht. Der Pfarrer las aus dem Evangelium - ja, auch Rocker sind religiös. Aus Lautsprecherboxen tönte Musik: Böhse Onkelz wurde gespielt. Bemerkenswert: Auch sanfte, „softe” Lieder waren zu hören - zum Beispiel Mark Medlock! Viele der Trauergäste trugen Sonnenbrille. Manche weinten. Die Mienen waren durchweg traurig, die Blicke auf den Boden gerichtet. Alle waren in Gedanken bei ihrem toten „Bruder”.
Manche brachten ihre Kinder mit, trugen sie auf dem Arm oder hielten sie an der Hand. Ein enger Freund des Toten hielt die Trauerrede, erinnerte an die Verdienste des 32-Jährigen, daran, dass er seit 2001 Mitglied der Bandidos war. „Wir werden dich nie vergessen, dich immer in unserem Herzen tragen, deine Verdienste für die Bandidos werden wir auf der ganzen Welt erzählen. Du bist Bandido forever.”An Rache will der Trauerredner an dem Tag nicht denken: „Es geht uns heute nicht um Wut und Zorn, sondern um Ehre und Stolz.” Alle sind tief ergriffen. Dann wird der Leichnam zu Grabe getragen.
Rockerbanden kontrollieren Discos, Drogenhandel und Prostitution
Seit dem Mord an dem 32-Jährigen ist die Polizei in Alarmbereitschaft. Denn der mutmaßliche Todesschütze gehört der verfeindeten Rockergang „Hells Angel” an, mit denen sich die Bandidos seit Jahren in ganz Deutschland blutige, oft tödliche Kämpfe liefern. Es wird befürchtet, dass sich die Bandidos für den Tod ihres „Bruders” an den „Höllenengeln” rächen werden, dass der Rockerkrieg jetzt auch in Nordrhein-Westfalen entflammen könnte. Denn in der Szene bleibt ein solcher Mord selten ungesühnt. Am Samstag blieb aber alles friedlich.
Im blutigen Rockerkrieg geht es auch um viel Geld. Man sagt den beiden Rockerbanden nach, dass sie in vielen Städten das Drogengeschäft und die Rotlichtviertel kontrollieren. Es geht um Millionenbeträge. Der Duisburger Bandido-Treff liegt mitten im Rotlichtbezirk. Auch Diskotheken sind oft in der Hand der Rocker. Vieles deutet in Duisburg darauf hin, dass die Bandidos die Disco „Old Daddy” unter Kontrolle haben. Zumindest stehen dort immer die Rocker hinter der Kasse und an der Tür. Denn wer die Tür „besitzt”, kontrolliert den ganzen Laden, heißt es.
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