Duisburg: Triennale: Liebenswerte Kultur-Terroristin
VON INGO HODDICK - zuletzt aktualisiert: 04.09.2010Duisburg (RPO). Eine Lehrerin will mit ihren renitenten und gewaltbereiten Schülern überwiegend post-migrantischer Herkunft Theater spielen. Friedrich Schillers ästhetische Erziehung des Menschen hat sie sich zum Vorbild genommen. Durchsetzen kann sie sich erst, als ihr plötzlich eine echte Waffe in die Hände fällt. Allmählich zeigt sich, dass Schillers "Räuber" sowie "Kabale und Liebe" eigentlich der Lebenssituation der Jugendlichen entsprechen. Als die Lehrerin - die selbst türkischer Herkunft ist - den Wortführer der Schüler "hinrichten" will, weil er einen anderen grausam gequält hat, wenden diese ihre eigenen Ideale von Vernunft und Vergebung gegen sie.
Das ist ursprünglich ein französischer Film, "La journée de la jupe" (lief auf Deutsch als "Heute trage ich Rock"). Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Jens Hillje haben ihn raffiniert auf deutsche Verhältnisse übertragen. Das war jetzt als "Verrücktes Blut" die erste Duisburger Premiere der Ruhrtriennale in diesem Jahr, ein perfekt passender Beitrag zu den aktuellen Zuwanderungs- und Islamdebatten. Theater auf dem Theater und eine gelungene Mischung von Laien- und Profidarstellern. Letztlich behält Schiller recht: der Mensch "ist nur da ganz Mensch, wo er spielt".
Das wirkt ebenso beklemmend wie befreiend, zumal Nurkan Erpulat, geboren 1974 in der Türkei und erster migrantischer Absolvent der renommierten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch", wieder einmal großartig das betreffende Lebensgefühl auf die Bretter bringt. Damit setzt er den Erfolg seines Doku-Dramas "Jenseits - bist du schwul oder bist du Türke" fort, das ja auch schon in Duisburg zu erleben war (die RP berichtete). Klischees werden aufgegriffen und unterhaltsam zerpflückt.
Das muss man erlebt haben, vor allem Sesede Terziyan als liebenswerte Kultur- und Vernunft-Terroristin. Sie flirtet und droht, sie ist kultiviert und ordinär, souveräne Lehrerin und verzweifeltes Mädchen, gewandt und schließlich am Ende.
Es gibt noch zwei Vorstellungen am heutigen Samstag, 4. September, sowie am Sonntag, 5. September, jeweils um 20 Uhr in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. Jeweils um 19.15 Uhr findet eine Einführung statt. Nach der Vorstellung am 4. September gibt es ein sicherlich sehr interessantes Publikumsgespräch.






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