Duisburg: Ungewöhnliche Hilfe Ein Jahr danach Nie aufgegeben
VON HILDEGARD CHUDOBBA - zuletzt aktualisiert: 09.08.2008Duisburg (RPO). In der kommenden Woche jährt sich der Tag, an dem sechs Menschen vor dem „Da Bruno“ an der Mülheimer Straße erschossen wurden. Die Polizei glaubt, das Verbrechen weitgehend aufgeklärt zu haben.
Holger Haufmann, Kriminaldirektor und Vorgesetzter derjenigen, die in dem Sechsfach-Mord seit einem Jahr ermitteln, hat hinter seinem Schreibtisch eine Tabelle aufgehängt mit Fotos und Namen all derjenigen, die als Opfer, mögliche Täter oder deren Verwandte in Erscheinung getreten sind. „Ohne die Hilfe der italienischen Kollegen hätte ich weitaus länger benötigt, um die Leute auseinanderzuhalten, die zum Teil nicht nur gleiche Nachnamen, sondern auch gleiche Vornamen haben“, sagt er. Wie eng der Kontakt zu den Mafiaermittlern aus Italien gewesen ist, die erst vor kurzem abreisten, macht schon das Namensschild an seinem Büro deutlich: „Holger Haufmann, Vize Questor“ ist da zu lesen.
Er selbst erfuhr von dem furchtbaren Verbrechen morgens von einem Kollegen des Landeskriminalamtes, der fragte, ob er helfen könne. Erzählt Haufmann von den zurückliegenen zwölf Monaten, dann schwärmt er immer wieder von der Unterstützung der Kollegen aus den Nachbarstädten, dem LKA, dem und BKA und denen aus Italien.
Die Hilfe war so außergewöhnlich wie das Verbrechen selbst. Und sie war nötig, weil die Ermittlungen mehr als nur schwierig waren. Die familiären Hintergründe der Täter- und Opferfamilien galt es zu bewerten, mögliche Verstrickungen in die Ndrangheta aufzudecken, Verbindungen nach Deutschland zu finden und schließlich den Tatablauf zu rekonstruieren. Und wäre Giovanni Strangio schon gefasst, so würde zumindest die Chance bestehen, die Akten bald zu schließen.
Auf 4000 Seiten in der Hauptakte und 102 000 weiteren Seiten in den ergänzenden Schriftsätzen hat die Duisburger Polizei zusammengetragen, was sie seit dem 15. August vorigen Jahres über Täter, Opfer, Hintergründe und Motive des sechsfachen Mordes am „Da Bruno“ herausgefunden hat. Schon allein diese Zahlen machen deutlich, welche Dimension dieses international Aufsehen erregende Verbrechen hat. Dabei ist der Fall noch immer nicht abgeschlossen. Aus der anfangs 90-köpfigen Ermittlunggruppe ist inzwischen ein 20-Mann-Team geworden, das unter der Leitung von Kriminaldirektor Holger Haufmann nach wie vor tätig ist. Eigentlich fehlt „nur“ noch die Verhaftung der Täter, von denen die Polizei sicher ist, einen zu kennen: Giovanni Strangio. Dass er zwischenzeitlich seine Beteiligung abgestritten hat, ist für Haufmann kein Grund, die Fahndungsplakate abzuhängen. Der Kriminaldirektor und Inspektionsleiter ist überzeugt, dass dem Italiener die Tat anhand der ermittelten Ergebnisse nachzuweisen ist.
Zu diesen Indizien gehören etwa DNA-Spuren und Fingerabdrücke aus einer Wohnung in Kaarst, in der sich Strangio in den Tagen vor dem Sechsfach-Mord aufgehalten hat. Die Duisburger Kripo kennt den Inhalt von Telefongesprächen, die der Beschuldigte aus einem italienischen Gefängnis und nach seiner Entlassung von der Kaarster Wohnung aus geführt hat. „Ich fahre jetzt nach Duisburg, um das mit der Pizzeria zu machen. Sage niemandem etwas, auch nicht der Familie“, soll er beispielsweise sinngemäß einem Vertrauten kurz vor dem Mordanschlag erzählt haben.
Dem Täter auf der Spur
Von einem zweiten mutmaßlichen Täter hat die Polizei DNA-Spuren sichergestellt, kann sie aber noch keiner Person zuordnen. Grund ist unter anderem, dass es in Italien keine zentrale DNA-Kartei wie in Deutschland gibt. Die Kripo weiß, dass Strangio am 8. August von Italien über Nürnberg nach Düsseldorf reiste und sich in Kaarst bis zum Tag des Verbrechens versteckt hielt. Er soll von dort aus versucht haben, ein Spezialmagazin zu kaufen, wie es in eine der Tatwaffen gepasst hätte und das er später dann woanders erwarb.
Von Kaarst aus muss Strangio bereits seine Flucht nach den Morden vorbereitet haben, bei der er einen im belgischen Gent aufgefundenen schwarzen Renault Clio benutzte. Ob Strangio aber tatsächlich von Duisburg aus direkt nach Belgien und weiter in sein bis heute unbekanntes Versteck flüchtete, das haben Haufmann und seine Kollegen noch nicht herausgefunden.
Nach Einschätzungen des Kriminaldirektors war der Sechsfach-Mord wohl keine Aktion der Ndrangheta, sondern Folge einer seit längerem schwelenden familiären Auseinandersetzung. Strangio, so vermuten die Ermittler, hat aus persönlichen Gründen gehandelt und vielleicht sogar damit gegen die Interessen der Verbrecherorganisation verstoßen, der die geballte Ladung polizeilicher Aufmerksamkeit nach dem 15. August keineswegs ins Konzept passte. Für diese Annahme spräche, dass es zuvor niemals derartige Aktionen außerhalb Italiens gegeben hat. „Das hatte keiner gedacht, dass so etwas hier passieren kann.“
Ndrangheta in Duisburg
Weniger überraschend für Haufmann und seine Leute war hingegen, dass der Arm der Ndrangheta bis nach Duisburg reicht. Bereits seit den 80er Jahren beobachtet die Polizei, was sich im Umfeld einiger Bürger und Unternehmen in der Stadt tut. „Hier leben rund 80 Einwohner aus San Luca, zweidrittel davon sind Männer.“ Er nehme an, so der Kriminaldirektor, dass einige der Geschäfte und Lokale mit Geldern der Ndrangheta aufgebaut oder gar bis heute betrieben werden, egal ob Pizzerien, Eisdielen oder Bekleidungsläden. Er spreche dabei keineswegs nur von schlecht-laufenden Schein-Betrieben, sondern auch von renommierten. „Unser Problem ist allerdings, dass wir den Besitzern nichts nachweisen können.“ (Mehr dazu auf Seite B 3)
Wie schwierig die Emittlungen gewesen sind, macht Kriminaldirektor Holger Haufmann an einem Beispiel deutlich:
Die Polizei stellte nach den Morden Material von Videokameras sicher, die zum Beispiel zum Sicherheitssystem des Klöcknerhauses gehören. Auf einer Kassette war zu sehen, dass ein dunkles, kleines Auto die Mülheimer Straße entlang fährt, wendet, kurz vor dem „Da Bruno“ hält und verschwindet. Die Qualität der Aufnahmen war so schlecht, dass selbst Experten nicht mehr herausholen konnten. Doch für den Leiter der Mordkommission, Heinz Sprenger, ein Anreiz, mehr herauszufinden.
Nach Gesprächen mit deutschen Autohändlern war sehr bald sicher, dass die Scheinwerfer des Wagens nur zu einem ausländischen Kleinwagen gehören können. Danach ließ die Polizei tagelang bei ähnlichen Verhältnissen wie in der Tatnacht Autos ausländischer Hersteller über die Danziger Straße fahren und verglich die Aufnahmen mit denen aus der Videokamera. Das Ergebnis: Der Fluchtwagen war zweifelsfrei ein Renault Clio.
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