Rees: Fall Gülsüm: Bruder sprach von "Blutrausch"
VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 13.11.2009Rees (RPO). Dr. Lars Althaus kam die Aufgabe zu, am dritten Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm vor dem Landgericht über die Ergebnisse der Obduktion zu berichten. Der Pathologe fand nur einen Vergleich, um das Ausmaß der Gewalteinwirkung zu beschreiben: So massive Verletzungen habe er sonst nur bei Personen gesehen, "die von einem Zug erfasst wurden".
Seine 45 Minuten dauernden Ausführungen waren nur schwer erträglich – auch für die Angeklagten. Der Vater von Gülsüm bat seine Dolmetscherin sogar, auf die Übertragung der Befunde ins Türkische zu verzichten. Althaus zeigte mehr als 50 Fotos der Verletzungen und benutzte Wörter wie "Sprengung", "Defektzone", "multiple Aufreißungen". Bei der mit "äußerster Wucht" durchgeführten Attacke sei der Stirnschädel "so zertrümmert worden, dass man auf das Gehirn blicken konnte."
Als Todesursache benannte der Mediziner "zentrales Regulierungsversagen bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma". Spuren eingeatmeten Bluts in der Lunge seien der Beleg dafür, dass die junge Frau zum Zeitpunkt der Attacken mit den Holzknüppeln noch gelebt habe.
Gülsüms Drillingsbruder Davut, der laut Anklage unter Zuhilfenahme mehrerer Holzknüppel für diesen Gewaltexzess verantwortlich ist, verfolgte die Ausführungen des Pathologen ohne eine Regung. Er saß in sich zusammengesunken auf der Anklagebank, blickte apathisch zu Boden, ließ anders als zu Prozessbeginn nicht einmal ein Schluchzen vernehmen. So ähnlich verhielt sich der Angeklagte auch schon, als er vor acht Monaten die Todesnachricht von seiner Schwester übermittelt bekam. Ein Polizist schilderte in seiner Zeugenaussage die Szene, wie er in der Wohnung zunächst der Drillingsschwester mitteilte, dass Gülsüm tot aufgefunden worden sei. Der Beamte berichtete: "Sie weinte laut, es war, als sei ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden." Dann kam Davut nach Hause und wurde von seiner Schwester auf Türkisch unterrichtet. "Er reagierte überhaupt nicht, sagte nur, er müsse zum Arbeitsamt", so der Polizeibeamte.
Diskutiert wurden gestern auch die Aussagen des Bruders bei der Haftrichterin. In der Vernehmung hatte er die Tat gestanden und gesagt, dass es im Leid tue. "Ich habe über nichts mehr nachgedacht, man kann es Blutrausch nennen", hatte der Bruder damals angegeben. In der Verhandlung heute wird geprüft, ob diese Aussagen vor Gericht verwertet werden dürfen.
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