Kleve/Rees: Fall Gülsüm: Erschütternde Zeugenaussagen
VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 10.11.2009 - 22:33Um neun Uhr hat am Dienstag vor dem Klever Landgericht der zweite Prozesstag im Fall der ermordeten Gülsüm begonnen. Auf der Tagesordnung stehen Zeugenaussagen der Familie (die sich nicht äußern will) und der ermittelnden Polizisten. Außerdem sollen Handy-Verbindungsdaten erörtert werden.
Der Fall Gülsüm hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Am vergangenen Freitag wurde der Prozess um den Mord an der 20-Jährigen aus Rees vor dem Klever Landgericht eröffnet. Die Angeklagten blieben stumm.
Angeklagt sind der Drillingsbruder der Getöten, ein befreundeter Russe sowie der Vater von Gülsüm. Der Drillingsbruder soll gemeinsam mit dem befreundeten Russen im Auftrag des Vaters die 20-Jährige ermordet haben.
Der zweite Prozesstag beginnt mit 25 Minuten Verspätung. Der Angeklagte Davut S. betritt wie am ersten Tag mit einer Kapuzenjacke verhüllt den Saal und stiert dann die ganze Zeit regungslos zu Boden.
So geht es weiter
Am Donnerstag, 12., und Freitag, 13. November, wird der Mordprozess jeweils um 9 Uhr fortgesetzt. Sitzungssaal ist die Jugendkammer A 110 im Landgericht Kleve. An den beiden Prozesstagen werden erneut Zeugen gehört.
Der erste Zeuge: Der Landwirt, der die Leiche entdeckte. Sein Jagdhund schlug an dem Laubhaufen an, unter dem die Leiche lag. Der Mann sah Blutspuren, stocherte vorsichtig herum und alarmierte sofort die Polizei.
Der zweite Zeuge: der erste Polizist am Tatort. Er berichtet, wie er aus einem Ärmel Finger habe lugen sehen. Er habe den Fundort abgesperrt und die Kripo verständigt.
Der dritte Zeuge: Ein Mitarbeiter der Mordkommission, der als erster die Leiche von Gülsüm in Augenschein nahm. Danach kommentiert er Videoauswertungen einer Reeser Spielothek. Demnach taucht der Mitangeklagte Milo M. am Tattag um 22.33 Uhr dort auf, Davut S. um 22.58 Uhr.
Der vierte Zeuge wird um 10.15 Uhr von Richter Christian Henckel in den Zeugenstand gerufen, ein weiteres Mitglied der Mordkommission, das um 17.20 Uhr per Hubschrauber am Tatort eintraf. Er berichtet ausführlich von den Spuren am Tatort, darunter ein rotes Feuerzeug und ein Knopf ("Spur 1.1"). Bei der Spurensicherung sei eine Handtasche am Tatort gefunden worden, darin Gülsüms Pass und ein Arztbrief des Marienhospitals in Wesel, das Gülsüm wegen Komplikationen nach der Abtreibung aufgesucht hatte. Der Zeuge erzählt von den Verletzungen: "Das Kopfskelett war völlig deformiert und nach innen gedrückt. Der Kripobeamte berichtet, ein Ohrring sei am Leichnam entdeckt worden. Der zweite in mehreren Zentimetern Tiefe im Erdreich am Tatort. "Daraufhin haben wir beschlossen, das ganze Erdreich zu sieben. Es fanden sich zahlreiche Zähne und Knochensplitter", so der Kripobeamte.
10.47 Uhr: Davut S., bis dahin völlig apathisch, bricht unvermittelt in Schluchzen aus.In der Zeugenvernehmung wird der Handtascheninhalt des Opfers erörtert. Richter Henckel holt die in Packpapier gehüllten Pappeläste auf den Richtertisch und hält sie dem Zeugen und den Verteidigern vor: die Tatwaffen! Es waren sieben Knüppel, zwölf bis 60 Zentimeter lang und mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern.
Spur 1.1, der Jackenknopf, der am Tatort gefunden wurde, wird präsentiert. Der kripobeamte berichtet, wie Spürhund Quincy den Weg des Opfers vom Fundort zurückverfolgt hat - erst zum Asylbewerberheim, dann zur Wohnung in der Neustraße 6a. "Aber die Methode ist nicht wissenschaftlich anerkannt", muss er einräumen.
Nächstes Indiz: Der Zeuge sagt aus, wie er bei einer Befragung von Miro M., der bis dahin kein Tatverdächtiger war, die Jacke entdeckt. "Mit auffälligen und fehlenden Knöpfen. Das war ein Zufallsmoment."
12.09 Uhr: Die Auswertung der Telefonverbindungsdaten beginnt. Per Beamer wird eine Excel-Datei an die Wand projiziert, jede Zeile ein Gespräch. Es gab viel zu besprechen an dem Tag, als Gülsüm starb. Rechtsanwalt Benecken bestreitet, dass eine Nummer seinem Mandanten Yusuf zugeordnet werden kann. Laut Auswertung hat Gülsüm um 19.56 Uhr nochmals mit ihrem albanischen Freund telefoniert, Minuten später noch mit ihrem Vater. Dann werden von ihrem Handy keine Telefonate mehr geführt.
13.10 Uhr: Mittagspause.
Die Auswertung der Verbindungsdaten endet. Es wird ein Bericht über die Vernehmung von Miro M. vorglesen. Weiterhin im Zeugenstand: der Kripobeamte. Er hebt die Widersprüche aus der Aussage des Russen hervor. Es habe ein Telefonat mit Davut am Tattag um 20.20 Uhr gegeben - was Miro M. bestritten habe. Der blubefleckte Jackenknopf - Aussage Miro M. aus der Vernehmung: "Ich bin nie am Tatort gewesen und habe keine Erklärung, wie der Knopf dorthin gekommen ist."
Nun geht es bei der Vernehmung des Kripobeamten um das Geständnis von Davut S., das er bei der Polizei machte. Darf es verwendet werden? Nein, sagt Anwalt Reinhardt (Verteidiger von Davut). Grund: Er sei nicht ordnungsgemäß belehrt worden. Doch, sagt der Beamte. "Aber nicht qualifiziert", entgegnet der Jurist. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Richter Henckel verkündet später: "Die Kammer hat beschlossen, das Geständnis könne verwertet werden. Aus den Akten ergibt sich, dass die Beschuldigtenbelehrung vor der Vernehmung erfolgt ist."
Der Kripobeamte erzählt von der Vernehmung. Langsam nähert er sich dem Tatgeschehen an. Davut sei auf Widersprüche hingewiesen worden, dann sei er ins Grübeln gekommen, habe geweint und nach einer Pause seine Hände gezeigt und gesagt: "Mit diesen Händen habe ich sie eigenhändig getötet." Der Zeuge: "Ein sehr emotionaler Moment, eine unbeschreibliche Situation."
Es folgt die Schilderung des Tatablaufs, wie sie in etwa aus der Anklageschrift bekannt ist: Abtreibung der Schwester, Wut, zwei Gläser Whisky, Hinterhalt, einmal gewürgt, dann losgelassen, worauf die Schwester geschrieen und mit der Polizei gedroht habe. Erneute Überwältigung, dann der letzte Akt mit den Aststücken, die er Gülsüm ins Gesicht gestoßen habe.
Zur Rolle des Vater gab es keine Aussagen
Um 1.20 Uhr endete die Vernehmung auf der Polizeiwache Kalkar. Am nächsten Tag um 12 wird sie fortgesetzt. Der Polizeibeamte im Zeugenstuhl: "Wir hatten das Gefühl, da fehlte noch was." Stimmt: Am zweiten Tag gibt es etliche Korrekturen, und Miro M., der mitangeklagte Russe, wird als Tatbeteiligter genannt. Er habe allerdings nur "daneben gestanden". Und er habe einen Ast herübergereicht, als Davut der erste zerbrochen sei.
Zur Rolle des Vaters gab es keine Aussagen. "Eine Beteiligung von ihm hat er komplett verneint", so der Zeuge.
Gegen Ende der Vernehmung wird Davut auf den Film "Zeit der Wölfe" angesprochen. Er handelt von einem Ehrenmord. Die Ermittler waren darauf gekommen, weil Davuts Schwester berichtete, sie sei von ihrem Bruder auf den Film angesprochen worden – um ihr die Tat indirekt zu gestehen. Richter Henckel lies Davuts Aussage vor, "dass ich das für meine Ehre getan habe". Heute sehe er das nicht mehr so, er könne es aber auch nicht rückgängig machen.
Der Beamte im Zeugenstand berichtet, dass Davut zudem eine Mitteilung an seine Drillingsschwester geschrieben habe. Sie wird verlesen: "Ich war's gewesen - ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Ich liebe euch alle, es tut mir leid."
Die Anwälte ergreifen das Wort. Entscheidende Frage: Im Obduktionsbefund ist von keinerlei Anhaltszeichen "für komprimierende Gewalteinwirkung im Halsbereich" die Rede. Das steht im Widerspruch zu der Schilderung des Tatgeschehens. Ein Widerspruch, den der Kripobeamte im Zeugenstuhl nicht erklären kann.
Um 18.15 Uhr, nach knapp neun Stunden Verhandlung, schließt Richter Henckel den zweiten Sitzungstag.
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