Rees: Fauler Schüler, fleißiger Student
zuletzt aktualisiert: 25.01.2012Rees (RP). Er ist ein echtes Urgestein am Reeser Gymnasium. Dr. Jörg Beyer unterrichtete dort bereits, als die Schule noch in Aspel war. Am 31. Januar gibt der Pädagoge seine letzten Erdkunde- und Geschichtsstunden, am 13. Februar wird er bei einer Feierstunde offiziell verabschiedet.
Mit seinen 33 Jahren am Gymnasium Aspel und insgesamt 40 Jahren im öffentlichen Dienst stellt Dr. Jörg Beyer zugleich einen Rekord auf: Erstmals verlässt ein Lehrer das Reeser Gymnasium, nachdem er seinen 65. Geburtstag gefeiert hat. Im Gespräch mit RP-Mitarbeiter Michael Scholten erinnert sich der angehende Pensionär an die ersten 65 Jahre seines Lebens.
Wie viele Länder sollte ein Erdkundelehrer bereist haben?
Dr.Beyer: Es ist gar nicht nötig, überall gewesen zu sein. Es gibt so viele Medien, mit deren Hilfe man sich informieren kann. Nach den Sommerferien habe ich auch immer gern den Schülern zugehört, wenn sie von ihren Urlaubszielen berichtet haben. Ich selbst war noch nie in Afrika, Südamerika und Australien. Auch in Asien bin ich nicht über die Türkei hinausgekommen.
Fasziniert von Aspel
1978 kam Dr. Jörg Beyer nach Rees. Das war eine Entscheidung der Schulbehörde. "Eigentlich hatte ich mich für Schulen im Umkreis von Bonn beworben. Aspel war mir unbekannt, aber ich hatte als Referendar am heutigen Andreas-Vesalius-Gymnasium in Wesel gearbeitet", sagt Dr. Beyer.
Das Schloss Aspel mit seiner langen Allee und dem Pausenhof im Park hat ihn fasziniert. "Ich wäre gern dort geblieben, aber wir sind ja an den Westring gezogen."
Ab dem 1. Februar haben Sie viel Zeit für Kreuzfahrten...
Dr. Beyer Die reizen mich so wenig wie Pauschalreisen. Ich werde auf keinen Fall im Rentnerstress durch die Kontinente eilen. Vielmehr freue ich mich auf weitere selbstorganisierte Reisen mit der Familie, dann auch mit unseren Enkelkindern Johanna und Daniel, die jetzt acht und fünf Monate alt sind.
Kennen Sie eigentlich die Namen aller Hauptstädte?
Dr. Beyer Ja, die kann ich tatsächlich fast alle aufsagen. Aber das reine Aufzählen kann nicht Ziel eines guten Erdkundeunterrichts sein. Mein Wunsch war es immer, Begeisterung zu wecken. Dafür habe ich auch gern auf Anschauung gesetzt und Naturkautschuk in den Unterricht mitgebracht oder einen Tunnel aus Schultischen gebaut, um die harte Arbeit in einem Bergwerk zu veranschaulichen.
Liegt der Lehrerberuf in den Genen?
Dr. Beyer Ja, sogar sehr! Mein väterlicher Familienzweig stammt aus dem Elsass. Darunter waren viele Wirte, die im Winter den Kindern in der Kneipe das Lesen und Schreiben beibrachten. In anderen Dörfern machten das die Pfarrer, aber in Dossenheim die Wirte. Und mein Großvater war zwölf Jahre lang Oberrealschullehrer, wurde aber 1919 von der französischen Schulbehörde abgesetzt.
Waren Sie ein guter Schüler?
Dr. Beyer Nein, insbesondere in der Mittelstufe war ich ein fauler, ruhiger Schüler und schrieb in der achten Klasse schlechte Arbeiten in Latein und Englisch. Zum Glück gab mir der Lehrer in Latein eine Gnadenvier, weil ich bei ihm auch Geschichte hatte und dort Bester war.
Ab 1968 studierten Sie in Bonn neben Geschichte auch Erdkunde.
Dr. Beyer Anfangs habe ich obendrein noch Biologie studiert, aber mir fehlte in diesem Fach die Liebe zum Detail. Geschichte und Erdkunde haben mich derart fasziniert, dass ich für das Studium nur die Mindestzeit brauchte. Vom faulen Schüler wurde ich zum sehr fleißigen Studenten, der 1970 auch ein Jahr in den USA verbrachte.
Welchem Thema haben Sie Ihren Doktortitel zu verdanken?
Dr. Beyer Ich habe in Bochum über den Einfluss staatlicher Planung auf das Bild der Städte in der damaligen Europäischen Gemeinschaft promoviert. Da würde ich mir auch eine Fortsetzung wünschen.
Ihre Frau Karin unterrichtet weiter auf Aspel. Werden Sie sie ausfragen?
Dr. Beyer Das macht den Abschied in der Tat etwas leichter. Meine Frau wird noch anderthalb Jahre dort arbeiten. Dass ich sie vor 33 Jahren in Aspel kennen- und liebengelernt habe, ist übrigens das Beste, was mir in meiner beruflichen Laufbahn passieren konnte.
Haben sich die Schüler in den letzten 30 Jahren verändert?
Dr. Beyer Nein, nur die Umstände sind anders. Schärfster Einschnitt war die Unterrichtszeitverkürzung auf zwölf Jahre mit Nachmittagsunterricht. Ich sehe die Folgen eher negativ, weil zu viel Unterricht vor erschöpften Schülern stattfinden muss. Ich hätte am alten System mit 13 Jahren festgehalten.
Droht Ihnen Langeweile?
Dr.Beyer Wohl kaum. Ich setze meine Ehrenämter fort, zum Beispiel als Presbyter in der Kirchengemeinde Millingen, im Philologenverband oder als Mitglied der Gesellschafterversammlung des Evangelischen Krankenhauses in Wesel. Und in einem Anfall von Größenwahn habe ich unter dem Dach unseres Hauses mit einer leicht überdimensionierten Modellbahnanlage begonnen. Die ist noch im Rohbau und bedarf unendlich vieler Arbeitsstunden, bis die Züge durch angemessene Landschaften fahren können.
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