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Rees/Kleve: Gülsüm: Anwälte wollen Aussagen verhindern

VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 12.11.2009 - 20:02

Rees/Kleve (RPO). Der Prozess um den Mord an der jungen Kurdin Gülsüm S. sorgt weiter für Aufsehen. Schon jetzt steht fest, dass es ein Indizien-Prozess werden wird, bei dem es auf jede Kleinigkeit ankommen kann. Daher wurden auch die Handy-Verbindungen am Mordtag genau analysiert. Am Donnerstagmorgen hat der dritte Prozesstag am Klever Landgericht begonnen.

Am Tatort in Rees hatten Freunde Blumen in Erinnerung an Gülsüm hingestellt.  Foto: RPO
Am Tatort in Rees hatten Freunde Blumen in Erinnerung an Gülsüm hingestellt. Foto: RPO

9.11 Uhr: Landgericht Kleve, 3. Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm. Wie am zweiten Prozesstag beginnt auch die dritte Verhandlungsrunde mit Verspätung. Gutachter Prof. Norbert Leygraf bleibt mit dem Niers-Express in Bedburg-Hau hängen. Heute soll die Richterin als Zeugin aussagen, die die überlebende Drillingsschwester befragt hat.

9.30 Uhr: Beginn des dritten Sitzungstags. Richter Henckel berichtet, dass der Seelsorger des Angeklagten Davut erkrankt ist, deshalb wird die Befragung einiger Zeugen verschoben.

Richter Henkel ruft den ersten Sachverständigen in den Zeugenstand.  Dr. Lars Althaus. Er hat die Obduktion vorgenommen. 

Es folgt ein Bericht voller brutaler Details. "Hauptbefund massive Schädel- und Gesichtszertrümmerung, Sprengung beider Augenhöhlen, multiple Aufreißung der Stirn und Halshaut. Holzsplitter.  8 mal 8 Zentimeter große Defektzone im Bereich der vorderen Schädelbasis. 4,5 mal 4 mal 3 Zentimeter große Zerstörung des Gehirns." Solch massive Verletzungen gibt es dem Sachverständigen zufolge sonst nur, wenn jemand von einem Zug erfasst wird.

Vater Yusuf S. verzichtet darauf, sich den Bericht übersetzen zu lassen.

"Multiple Brüche von Ober- und Unterkiefer. Spuren eingeatmeten Bluts in der Lunge", berichtet der Experte weiter. Das heißt: Gülsüm hat noch gelebt, als auf sie eingeschlagen wurde. Auffällig sei das Fehlen jeglicher Abwehrreaktionen, so der Sachverständige.

10.19 Uhr Der Zeuge wird entlassen.

Nach der ersten Pause versuchen die beiden Verteidiger von Miro M., die Vorwürfe gegen den Russen zu entkräften. Anwältin Andrea Groß-Bölting hat Zweifel, dass die Knüppel tatsächlich vom Tatort stammen, statt dessen seien sie vorher besorgt worden. Das spräche gegen eine am Abend spontan geplante Tat.

Anwalt Thielmann meint anhand von Verbindungsdaten und Fahrtstrecken den zeitlichen Ablauf infrage stellen zu können.

Der dritte Zeuge des Tages ist ein Polizist, der an den Ermittlungen beteiligt war. Er überbrachte Gülsüms Drillingsschwester die Nachricht von ihrem Tod. "Das hat ihr den Boden unter den Füßen weggerissen, sie hat laut geweint", erinnert er sich. Später sei Gülsüms Bruder Davut nach Hause gekommen, seine Schwester habe ihn auf Türkisch informiert. "Er reagierte überhaupt nicht, sagte nur, dass er zum Arbeitsamt müsse", so der Zeuge. "Seine Reaktion war für mich nicht nachvollziehbar."

Der vierte Zeuge, ein weiterer Kripobeamter, war bei Davuts Vernehmung dabei.
Er sagt aus, er habe den inneren Druck des Angeklagten spüren können.

Vor der Mittagspause dann noch ein juristischer Schachzug. Es geht um die geplante Aussage der Vernehmungsrichterin, die mit Gülsüms Schwester gesprochen hat. Der Anwalt des Vaters ist der Ansicht, dass der Beweis weder erhoben noch verwertet werden dürfe, weil der Drillingsschwester bei ihrer Aussage kein Anwalt beigestellt wurde.

Mittagspause

Nach der Mittagspause wird der Polizist, der Gülsüms Schwester Zainab zum Tatzeitpunkt angehalten hat, weil sie ohne Licht Rad fuhr, befragt. Er bestätigt den Sachverhalt und wird daraufhin entlassen. Im Anschluss daran verkündet die Kammer unter Vorsitz von Richter Christian Henckel den Beschluss, wie geplant die Richterin im Zeugenstand zu vernehmen - der Antrag der Verteidigung ist somit ohne Erfolg.

14.30 Uhr Die Richterin wird verhört. Sie schildert, wie sie die Drillingsschwester zum Geschehen am Tattag vernommen hat. "Sie hat konzentriert und flüssig im Zusammenhang berichtet", so die Zeugin. Als sie nach der Polizeikontrolle wieder nach Hause gekommen sei, sei Gülsüm verschwunden gewesen. Am nächsten morgen habe Bruder Davut sie zur Schule gebracht, danach habe sie ihn erst wieder getroffen, als sie die Todesnachricht erhalten habe. Darauf habe er gar nicht reagiert, so Zainab in ihrer Aussage damals. Die Schwester hört auch mit, wie Gülsüm mit ihrem albanischen Freund telefoniert. Es geht um das Thema Hochzeit, aber der Freund will lieber Fußball gucken.

Die Richterin hat auch Miro M. vernommen, den mitangeklagten Russen. Seine Aussage: "Ich habe mit alldem nichts zu tun." Der am Tatort gefundene Knopf sei ein Allerweltsknopf, der könne von jeder Jacke stammen. Die Richterin muss dann auch noch über ihre Vernehmung von Davut S. referieren. Während Davut schweigend zwei Meter rechts von ihr zu Boden schaut, berichtet die Juristin, was er ihr Anfang April erzählt hat: "Es stimmt, ich habe meine Schwester erschlagen. Miro war beteiligt, sonst wusste keiner davon. Ich habe sie getötet, weil sie schwanger war. Wegen der Familienehre."

Er sagt ihr, wie er die Tat ausgeführt hat.  Miro habe einen Knüppel angereicht. In der Vernehmung war Davut "sehr ruhig, zurückhaltend, wirkte niedergedrückt", so die Richterin. Keine sichtbaren Emotionen. "Ich habe über nichts mehr nachgedacht, man kann es Blutrausch nennen", so steht es in dem Vernehmungsprotokoll.

Die Anwälte der Angeklagten wollen mit aller Macht verhindern, dass diese Aussagen verwertet werden. Sie monieren Formfehler, zum Beispiel die fehlende Anfangs- und Endzeit auf dem Vernehmungsprotokoll von Davut S.

17.17 Uhr Der dritte Verhandlungstag endet.

Die Verhandlung wird am Freitag, 9 Uhr, fortgesetzt.

Quelle: RP

 
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