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Emmerich: Gülsüm: emotional zerissen

VON RALF DAUTE - zuletzt aktualisiert: 18.11.2009

Emmerich (RPO). Gleich 14 Zeugen sagten gestern bei der nächsten Mammutsitzung im Mordprozess Gülsüm auf. Dabei ergab sich ein zwiespältiges Bild. Es wird von Gewalttaten innerhalb der Familie berichtet, gleichzeitig soll der Vater kein Problem mit der Schwangerschaft seiner Tochter gehabt haben.

Je länger die Liste der vernommenen Zeugen wird, umso mehr entsteht der Eindruck, dass sich im Schwurgerichtssaal A110 des Landgerichts Kleve, wo über den gewaltsamen Tod von Gülsüm S. aus Rees verhandelt wird, Paralleluniversen auftun.

14 Zeugen am fünften Verhandlungstag sorgten dafür, dass einmal zwei Bilder entstanden – das einer verständnisvollen Familie mit einem grundgütigen Vater als Oberhaupt und das einer angstzerfressenen Gemeinschaft mit einem Tyrannen an der Spitze.

Erstmals taucht an diesem Tag die Frage auf, ob Vater Yusuf S. seine Tochter Gülsüm sogar dermaßen traktiert hat, dass er ihr einen Kieferbruch zufügte. Ein Kripobeamter, dem sich Gülsüm nach einem ersten Fluchtversuch anvertraute, berichtete davon. Aber: "Nachforschungen in einem Duisburger Krankenhaus haben nichts ergeben." Zwei weitere Zeugen wissen ebenfalls von der schweren Verletzung.

Info

Nächste Woche

Der Prozess wird in der nächsten Woche mit dem sechsten Verhandlungstag vor dem Landgericht Kleve fortgesetzt.

Die Reaktionen von Vater und Sohn sind die gleichen, die schon seit Prozessbeginn mehr oder weniger unverändert zu beobachten sind: Wie schwer die Anschuldigungen auch sein mögen, Vater Yusuf schaut sanft lächelnd in die Ferne.

Kein Protest, kein Kopfschütteln, nichts. Davut S., der angeklagte Drillingsbruder von Gülsüm, stiert wie an allen anderen Tagen auch diesmal vor sich zu Boden, den Kopf zwischen den Schultern regelrecht eingegraben. Ein Verhalten, das Gülsüms Freund Altin nicht akzeptieren kann. Als er den Zeugenstand verlässt und auf den apathischen Angeklagten schaut, zischt er ihn an: "Davut, guck mich an! Davut, guck mich an!" Doch Davut rührt sich nicht.

Dieselben Zeugen, die übereinstimmend von gewalttätigen Übergriffen des Vaters berichten, machen zugleich auch deutlich, wie emotional zerrissen das spätere Opfer war.

"Sie war nicht dieser fröhliche Mensch, sie war ein zerbrechliches Mädchen", so beschreibt es eine Lehrerin des Berufsbildungswerks aus Mülheim/Ruhr, das sich einige Monate um Gülsüm kümmerte. Sie wusste aus Gülsüms Schilderungen von den Attacken, doch Gülsüm habe zugleich immer betont, wie sehr sie ihren Vater und ihre Geschwister liebe: "Gülsüm hat ihre Familie immer in Schutz nehmen wollen. Sie wollte nie, dass man schlecht über die Familie spricht."

Auch am fünften Verhandlungstag finden sich verschiedene Zeugen, die erzählen, Vater Yusuf S. habe von der Schwangerschaft seiner Tochter gewusst und sich sogar auf den Enkel gefreut. "Das war kein Problem für ihn", so einer der Zeugen.

Gülsüms Freund Altin kam in seiner Vernehmung auf die fraglichen Wochen zu sprechen: "Im Dezember habe ich den Vater gefragt, ob ich Gülsüm heiraten kann. Ich hatte den Eindruck, dass er mich akzeptierte." Gülsüm habe sich auf das Kind gefreut ("sie wollte sechs Kinder"), bevor ihre Schwester sie zum Abbruch überredet habe. Das habe der Vater gewusst, und er sei "ruhig" geblieben.

Quelle: RP

 
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