Emmerich/Rees: Probelauf für die Betuwe
VON LUTZ KÜPPERS - zuletzt aktualisiert: 29.04.2009Emmerich/Rees (RPO). Darauf haben sie den ganzen Morgen gewartet: Endlich, nach zweieinhalb Stunden geduldigem Zuhören, dürfen Marco Hornig, Mark Jansen, Peter Reintjes, Pascal Beyerlein, Christian Knoor, Daniel Görres und Dominik Hoffmann ran.
Blitzschnell haben die Mitglieder der Löschzüge aus Vrasselt, Hüthum und der Stadt die beiden Leitern vom Löschfahrzeug geholt. Sie stehen am dritten Waggon des Übungszuges für Gefahrgut der Bundesbahn, der gestern und heute in der Rheinstadt Station macht. Aus einem Riss in der Wand dringt Wasser nach außen. Im Ernstfall könnte es sich aber auch um eine Säure oder Heizöl handeln. Jetzt ist Tempo angesagt.
120 Feuerwehrleute aus Emmerich, Rees, Wesel, Nütterden, Kalkar und 's-Heerenberg sind bei dem Test freiwillig im Einsatz. Sie alle wissen, dass der bundesweit einzige Übungszug der Bahn vor allem wegen der Betuwe-Planungen so schnell nach Emmerich gekommen ist. Um die Bevölkerung zu beruhigen. Nur sagen tut's keiner. Keiner der Feuerwehrleute. Und auch nicht Bürgermeister Johannes Diks, der sich ebenfalls einen Eindruck vor Ort macht.
Drei Waggons
Der Übungszug der Deutschen Bahn besteht insgesamt aus drei Waggons.
Der Personenwagen ist zum klimatisierten Schulungsraum umgebaut worden.
Der zweite Waggon ist ein Kessel- oder Armaturenwagen, wo 65 Systeme zur Be- und Entlüftung des Wagens, der beispielsweise mit Gas gefüllt ist, vorgestellt werden.
Der dritte Waggon ist der Leckagewagen, an dem das Abdichten von Lecks geübt werden kann. Das Gefahrgut wird dabei durch Wasser ersetzt.
Denn normalerweise dauert es laut Übungszug-Leiter Horst Fechner zwei Jahre, bevor die angeforderten Waggons tatsächlich ein Gleis ansteuern. Im Fall von Emmerich und Rees, wo die Diskussion um zunehmende Mengen an Gefahrgut im Rahmen der Betuwe-Planungen zuletzt immer wieder hochkochte, dauerte es gerade mal drei Monate, und der begehrte Zug stand auf Gleis 41, direkt hinter der Tankstelle auf der Reeser Straße. Zufall?
Doch daran denken die Feuerwehrleute am Leckagewaggon gerade nicht. Mit vereinten Kräften haben sie einen Weichholzkeil in den Riss geschlagen. Womit die austretende Flüssigkeit bereits deutlich reduziert werden konnte. Einige Auffangschalen wurden auf den Boden gestellt. Doch damit ist es noch lange nicht getan.
Begonnen hatte der Tag mit Theorie im Schulungswagen. Dort lernten die Feuerwehrleute viel über Gefahrgut-Klassifizierungen, Frachtpapiere, über die zu erfahren ist, was ein Unfall-Zug denn so geladen hat. "Das ist schon eine Menge an Informationen, aber auch enorm interessant", sagt danach Mark Jansen vom Löschzug Stadt, der sich für diese Übung bei seinem Arbeitgeber frei nehmen musste. Wie fast alle anderen Teilnehmer auch.
Wenig später wird Jansen dann zu den sieben Kameraden gehören, die am Leckagewagen üben dürfen. Sieben von 22. Nicht gerade viel. "Aber zeitlich nicht anders machbar", sagt Emmerichs Löschzugführer Jörg Heimann, "denn wir wollen eben auch möglichst vielen Mitgliedern aus unseren benachbarten Wehren die Chance auf einen Einblick gewähren."
Waggon wiegt bis zu 38 Tonnen
Den gab es im zweiten Waggon, wo die Kameraden 65 von über 200 so genannten "Befüll- und Entnahmeeinrichtungen" von Gefahrgut-Waggons kennen lernten. Und zig Ventile für den Transport gasförmiger Stoffe. Bahn-Ausbilder Ingo Piersig: "Je größer bei diesen Transporten die Belastung für die Anwohner ist, desto höher sind die Sicherheitsstandards." Dabei spricht er von bis zu 20 Millimeter dicken Stahlwänden. Sie erhöhen das Gewicht eines einzelnen Waggons auf bis zu 38 Tonnen.
Mittlerweile haben die Kameraden am Leckagewagen es geschafft. Ein Dichtkissen wird mit Spanngurten auf dem Riss befestigt. Dann werden sie angezogen. Später wird das "Pflaster" aufgepumpt. Kein Tropfen verlässt mehr den Waggon. Im Ernstfall müsste jetzt eine Spezialfirma kommen und den Wagen leerpumpen. Fahren dürfte er keinen Meter mehr.
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