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Rees: So lebte und so starb Gülsüm

VON SEBASTIAN LATZEL - zuletzt aktualisiert: 05.11.2009 - 08:53

Rees (RPO). Die 20-jährige Kurdin ist am 2. März 2009 nahe der niederrheinischen Stadt Rees ermordet worden. Ab morgen müssen sich ihr zur Tatzeit 20 Jahre alter Bruder, ihr Vater (49) und ein Russe (32) wegen gemeinschaftlichen Mordes vor dem Klever Landgericht verantworten.

Gülsüm S. aus Rees wurde von ihrem Vater und Bruder ermordet. Die Urteile sind rechtskräftig, wie der Bundesgerichtshof am 30. Juni 2010 entschied. Repro: Endermann Foto: RPO
Gülsüm S. aus Rees wurde von ihrem Vater und Bruder ermordet. Die Urteile sind rechtskräftig, wie der Bundesgerichtshof am 30. Juni 2010 entschied. Repro: Endermann Foto: RPO

Gülsüms Grab in der Türkei kennt Janis Titzas nur von Fotos. "Ganz trist" findet sie die letzte Ruhestätte ihrer besten Freundin. Daher hat die 20-Jährige mit ihrem Vater an dem Feldweg in Rees, an dem Gülsüm ermordet wurde, eine kleine Gedenkstätte eingerichtet – Kerzen, ein kleiner Engel und Fotos sollen an Gülsüm erinnern.

Mehrere Tausend Kilometer vom Tatort entfernt liegt das schmucklose Grab von Gülsüm. Die junge Kurdin wurde in Mardin beerdigt. In dem Ort, in dem sie auch am 21. Februar 1989 geboren wird.

Schmuckloses Grab

Info

Auftakt am Freitag

Der Prozess beginnt am Freitag, 6. November, um 9 Uhr im Landgericht Kleve. Verhandelt wird das Verfahren vor der Jugendkammer des Landgerichts, weil der angeklagte Bruder zur Tatzeit noch keine 21 Jahre alt war.

Vorgesehen sind bisher zehn Verhandlungstage bis zum 11. Dezember.

Mardin ist ein Dorf in Ost-Anatolien, direkt an der syrischen Grenze. Dort leben vor allem Kurden, die Menschen sind arm. Gülsüms Vater arbeitet als Bauer und hat als junger Mann sechs Kinder. Die Kinder werden später kaum Erinnerungen an die Zeit in der Türkei haben.

Die Familie kommt in Etappen nach Deutschland. Zunächst reisen die Eltern mit dem Drillingsbruder von Gülsüm und einer älteren Schwester ein. Sie beantragen Asyl und werden der niederrheinischen Kleinstadt Rees "zugewiesen", landen in einem Asylbewerberheim. Wenig später folgen die drei anderen Kinder nach. Gülsüm kommt als Siebenjährige in eine westliche Welt, die ihr völlig fremd ist.

Sie war ihre beste Freundin: Janis Titzas hat am Tatort in Groin eine kleine Gedenkstätte für ihre ermordete Freundin angelegt. Mit Bildern der Toten, Blumen und einer brennenden Kerze. Foto: RPO

Wenig später stirbt Gülsüms Mutter. Erdrosselt wird sie am Teich des Bocholter Krankenhauses gefunden. "Selbstmord" geben die Behörden als Todesursache an. "Aus heutiger Sicht war es ein Fehler, damals keine Obduktion vorgenommen zu haben", sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer, der nach der Ermordung Gülsüms noch einmal die Ermittlungen zum Tod der Mutter aufnahm, die Akte dann aber endgültig schloss.

Fragen bleiben

Fragen bleiben gleichwohl. Vor allem, weil der Ehemann im Rathaus bereits einen Tag zuvor den Tod seiner Frau angekündigt haben soll. "Er hat ihr befohlen, sich das Leben zu nehmen, weil sie krank und damit aus seiner Sicht nutzlos war", sagt eine kurdische Freundin von Gülsüm, die sich Serap Cileli anvertraut hat, die Frauen betreut, die von Zwangsheirat bedroht sind.

Vor dem Landgericht in Kleve hat Richter Peter Schöttler am Dienstag (15. Februar) den ehemaligen Mitarbeiter der Stadt Rees verurteilt. Foto: Klaus Dieter Stade

2006 heiratet Gülsüms Vater erneut. Mit seiner zweiten Frau hat er weitere fünf Kinder. Gülsüm lebt nun mit zehn Geschwistern im Asylbewerberheim. Dort führte ihr Vater das große Wort und randalierte – wenn der städtische Hausmeister Feierabend hatte. "So ging das über elf Jahre, keiner hat uns etwas gesagt, das ist unglaublich", meint Sozialamtsleiter Andreas Mai.

Das Wort des Vaters war Gesetz innerhalb der Familie. Die Töchter mussten gehorchen. "Die Jungen waren die Prinzen", erzählt eine Bekannte. Nach außen hin sei der Vater immer freundlich und zuvorkommend gewesen. Er sorgte auch dafür, dass seine Kinder in den Kindergarten kamen, die Schule besuchten. "Die Integration der Kinder hat stattgefunden, obwohl es für Asylbewerber keine Schulpflicht gab", berichtet Andreas Mai. Die Eltern aber hätten eher isoliert gelebt.

Gülsüm wurde Zuhause geschlagen

Gülsüm wechselt nach der dritten Klasse der Grundschule auf die Anne-Frank-Förderschule. "Sie war ein freundliches Mädchen, von Lerneifer beseelt. Bei ihr merkte ich: Sie will etwas lernen", erinnert sich Schulleiterin Judith Greven, die Gülsüm drei Jahre lang unterrichtete. "Sie war eine Schülerin, wie wir sie uns wünschen. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen", sagt Judith Greven.

An der Schule lernt Gülsüm auch Janis Titzas kennen, die fortan ihre beste Freundin ist. Sie stellt nach dem Mord am Tatort Kerzen auf. Die beiden sind fast unzertrennlich. Und so bekommt Janis immer wieder mit: Gülsüm wird in ihrem Zuhause geschlagen.

Es dauert lange, bis Gülsüm sich einer Sozialarbeiterin anvertraut, von den Schlägen erzählt. Doch der Frau sind die Hände gebunden. Gülsüm verbietet ihr, die Polizei einzuschalten. Aus Angst vor dem Vater. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Lebensgeschichte. Der jungen Kurdin gelingt es nicht, sich von ihrer Familie zu lösen.

Aus dem Mädchen wird eine hübsche Frau

Äußerlich passt Gülsüm sich immer mehr dem westlichen Lebensstil an. Aus dem Mädchen wird eine hübsche junge Frau, die Musik von Shakira liebt. Auf Partys zu gehen aber, verbietet ihr der Vater. "Das durfte sie nicht, abends musste sie zu Hause sein", berichtet ihre Freundin Janis. Trotzdem sei Gülsüm stets fröhlich gewesen. Auf Fotos ist sie fast nur lachend zu sehen.

2007 schafft Gülsüm den Abschluss auf der Förderschule. Sie will sich weiterbilden. Doch der Vater hat andere Pläne. Unter dem Vorwand, Urlaub zu machen, fliegt er 2007 mit Gülsüm in ihr Heimatdorf und verheiratet sie mit einem ihr unbekannten Mann.

Zurück in Rees findet Gülsüm den Mut, sich gegen die Zwangsheirat zu wehren. Mit Unterstützung einer Hilfsorganisation wird die Ehe offiziell annulliert. Gülsüm versucht, noch mehr auf eigenen Beinen zu stehen. Sie jobbt bei McDonalds in Wesel, verliebt sich dort Anfang 2008 in einen Albaner. Weil der Muslim ist, soll der Vater die Beziehung toleriert haben, forderte aber Keuschheit von seiner Tochter.

Gülsüm will ausbrechen

Gülsüm will endgültig aus diesem Leben voller Zwang und Angst ausbrechen. Mit Unterstützung von Behörden und Hilfsorganisationen werden ihr eine Wohnung in Mülheim und ein Platz in einer Berufsbildungs-Werkstatt vermittelt. Ihr Vater kennt ihren Aufenthaltsort nicht. Gülsüm hat eine Auskunftssperre beim Meldeamt beantragt.

Doch Gülsüm gelingt es nicht, sich von ihrer Familie zu lösen. Sie unternimmt einen Selbstmordversuch, gibt als Grund an, dass sie Stress mit der Familie habe, diese aber auch sehr vermisse. Gülsüm muss innerlich zerrissen gewesen sein. Sie will nach Rees zurück.

Es muss ein Schock für sie gewesen sein, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Ihre Familie darf nichts erfahren. Ende Januar lässt sie eine Abtreibung in Amsterdam vornehmen. Wenige Tage später kehrt sie nach Rees zurück und zieht dort in die Wohnung ihrer Drillingsgeschwister ein – einen Monat vor ihrer Ermordung.

Landgericht Kleve

Ihr Bruder soll von der Schwangerschaft erfahren haben. Er habe sich entschlossen, die Schwester zu töten, um die Familienehre wiederherzustellen. So gibt er es zunächst bei der Polizei an. Inzwischen hat er sein Geständnis widerrufen. Neben dem Drillingsbruder müssen sich ab morgen Gülsüms Vater und ein befreundeter Russe wegen gemeinschaftlichen Mordes vor dem Landgericht Kleve verantworten.

"Eine drastische Strafe", fordert die Menschenrechtlerin Serap Cileli. Auch um ein deutliches Zeichen zu setzen. "Die Geschichte von Gülsüm ist längst kein Einzelfall mehr."

Quelle: RP

 
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