Straelen: Der Nach-Holer
VON MICHAEL KLATT - zuletzt aktualisiert: 08.08.2007Straelen (RPO). Neuer „Translator in residence“ am Europäischen Übersetzer-Kollegium ist Dr. Vladko Murdarov. Der Bulgare will seinen Landsleuten vor allem österreichische Autoren nahe bringen.
Die Übersetzer in den Ländern des ehemaligen Ostblocks sieht Dr. Vladko Murdarov „vor einer riesengroßen Arbeit“. Die Klassiker müssten an die Gegenwartssprache angepasst werden, um modernen Lesern den Zugang zu ihnen zu erleichtern. Es gehe aber vor allem auch darum, den Menschen die Literatur, die zur Zeit des Eisernen Vorhangs unerreichbar war, zugänglich zu machen, sagt der 59-jährige Bulgare. Zu dieser „Nachhol-Literatur“ zählten zum Beispiel die Werke von Elfriede Jelinek und Peter Handke.
Das sind zwei Autoren, die auf Murdarovs Werkliste mehrfach auftauchen, ebenso wie Thomas Bernhard, Artur Schnitzler und Peter Turrini. Die Vorliebe für diese und andere österreichische Schriftsteller und Dramatiker pflegt Murdarov, im August und September neuer „Translator in residence“ am Europäischen Übersetzer-Kollegium (EÜK) in Straelen, seit er 1973 als Gottfried-von-Herder-Stipendiat der Hamburger Stiftung F.V.S. nach Wien kam. Bis er als Übersetzer zum Import westlicher Literatur nach Bulgarien beitrug, sollten allerdings noch mehr als 20 Jahre vergehen.
Zur Person
Geburtsdatum 16. April 1948.
Geburtsort Sofia.
Ausbildung Studium der Bulgaristik und Germanistik (Nebenfach) an der Universität Sofia, Promotion 1975 an der Universität Wien.
Werke Autor von 14 Büchern und mehr als 670 Aufsätzen; Übersetzer von klassischen, modernen und zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren.
Auszeichnungen Ehrenurkunde des bulgarischen Kulturministeriums (2000), Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich (2001), Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung (2002), Großer Nationalpreis „Hristo G. Danov“ (2004), Preis des Bulgarischen Übersetzerverbands (2006).
Nach seiner Dissertation 1975 war Murdarov an der Akademie der Wissenschaft mit dem Hauptfach Bulgaristik tätig. Anfang der 1980er Jahre unterrichtete er Bulgarisch in Wien und Salzburg. In der österreichischen Hauptstadt war er Direktor des bulgarischen Kulturinstituts. Immer wieder arbeitete der Bulgare mit Regisseuren zusammen. „Eine Regisseurin bat mich, das Stück „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab zu übersetzen“, erzählt Murdarov. Für ihn war das der erste in der langen Reihe österreichischer Verfasser, den er in seine Heimatsprache übertrug.
Literarische Vorliebe
Seine literarische Vorliebe traf sich mit der kulturellen Großwetterlage in Bulgarien. Vor 1989 wurden vor allem Stücke aus der Sowjetunion auf bulgarischen Bühnen gespielt. Nach der Wende war ein neues Repertoire gefragt. Was aus den USA kommt, ist in Murdarovs Augen „zu kommerziell“. Wenn man echte Kunst zeigen wolle, brauche man die Europäer. Murdarov geht es darum, sämtliche österreichische Bestseller in seinem Land bekannt zu machen.
Handke, zum Beispiel, sei jetzt „einfach dran“. In den 1970ern war dieser Dramatiker in Bulgarien relativ populär, wurde dann mehr und mehr vergessen. Während seines Aufenthalts im EÜK übersetzt Murdarov den zweiten Band von Handkes Theaterstücken. Ende August will er damit fertig sein, danach widmet er sich „Josefine und ich“ von Hans Magnus Enzensberger.
Keine Sorge hat Murdarov, dass für bulgarische Autoren kein Platz mehr bleiben könnte. „Die Generation der um die 40-Jährigen ist produktiv und bekannt.“
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