Straelen: Heimat der Brückenbauer
VON MICHAEL KLATT - zuletzt aktualisiert: 10.01.2008Straelen (RPO). Vor 30 Jahren wurde das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen ins Leben gerufen. Ein Rückblick auf die Geschichte des Mehrsprachen-Hauses mit Weltgeltung.
Bis ins Mittelalter, ins spanische Toledo, muss zurückgehen, wer Ähnliches finden möchte wie das Europäische Übersetzer-Kollegium (EÜK). Damals übersetzten Teams von Sprachkundigen die nur noch auf Arabisch erhaltenen griechischen Klassiker ins Lateinische. Diese Dreisprachigkeit reicht nicht mehr. Alleine die aktuellen Gäste im EÜK sprechen zehn unterschiedliche Sprachen: Chinesisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Slowakisch und Spanisch. Vermutlich werden sie alle heute feiern – den 30. Geburtstag des EÜK.
Böll und Beckett
Bei seiner Gründung 1978 war dieses Arbeitszentrum für literarische Übersetzer das weltweit erste und einzige Zentrum seiner Art. Der Initiative und Durchsetzungskraft seiner, leider verstorbenen, Gründerväter Elmar Tophoven und Klaus Birkenhauer verdankt es seine Entstehung. Schirmherren waren damals keine Geringeren als Heinrich Böll, Samuel Beckett und Mario Wandruszka.
Das EÜK in Zahlen
263 000 Öffnungsstunden
78 000 Übernachtungen
11 000 Arbeitsaufenthalte literarischer Übersetzer
1500 Führungen für Gruppen
400 internationale Tagungen und Seminare
63 Herkunftsländer der Gäste
25 000 Euro ist der „Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW“ wert, der seit 2001 gemeinsam mit dem EÜK verliehen wird, zunächst alle zwei Jahre, ab 2008 jährlich in Straelen.
Seit 1980 war das EÜK in einem Provisorium an der Mühlenstraße untergebracht mit sechs Zimmern und einer Bibliothek. Dank der Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen wuchs das EÜK nach und nach. Das heutige Kollegiumsgebäude in fünf ehemaligen Wohnhäusern an der Kuhstraße 15-17 wurde am 24. April 1985 eröffnet. Im Mai 1992 kam eine Erweiterung um ein benachbartes sechstes Haus hinzu, wo vor allem Seminar- und Fortbildungsveranstaltungen stattfinden. Nicht zuletzt durch seine umfangreiche, mehr als 90 000 Bände umfassende Bibliothek gilt die Institution an der Kuhstraße nach wie vor als das weltweit größte und renommierteste Dienstleistungszentrum für Literaturübersetzer.
29 Gäste gleichzeitig können im EÜK an ihren Texten arbeiten. Jährlich nutzen mehr als 700 literarische Übersetzer aus aller Welt diese wohl einmaligen Bedingungen. In den 30 Jahren sind mehr als 18 000 Werke aus über 100 Sprachen übertragen worden, darunter Bücher von mehr als 40 Literatur-Nobelpreisträgern. „Übersetzer schlagen nicht nur Brücken, sondern zeugen an neuen Ufern neues Leben“, sagte Carl Améry in seiner Rede zum 20-jährigen Bestehen des EÜK.
Mit dem weltweiten Ruf als „Heimat auf Zeit für Übersetzer“ gab sich das EÜK nicht zufrieden. Es stieß neue Projekte an. Im vorigen Jahr erlebten die „Straelener Atriumsgespräche“ ihre Premiere. Dabei arbeitet ein bekannter Autor mehrere Tage lang mit seinen ausländischen Übersetzern an seinem aktuellen Werk. Bei der Diskussion über Probleme des Übersetzens sind auch Gäste willkommen. Der „Translator in Residence“ repräsentiert das EÜK nach außen und gibt vor allem Schülern einen Einblick in die Kunst des Übersetzens.
INTERVIEW Seite C 2
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum


