Geldern: Kinder saufen sich ins Koma
VON HANS HENDRIK FALK - zuletzt aktualisiert: 22.02.2012Geldern (RP). Nach den Karnevalstagen schlägt der Chefarzt am Gelderner Krankenhaus, Stephan Dreher, Alarm. Sieben Kinder zwischen zwölf und 16 Jahren seien mit zum Teil lebensgefährlichen Alkoholvergiftungen eingeliefert worden.
Taumelnde Gestalten in bunten Kostümen, kreidebleiche Kindergesichter, die Plastikflasche mit dem selbstgemischten Wodka-Getränk geht reihum. "Saufen!", grölen die Jungs mit sich überschlagender Stimme, die Mädchen kreischen Unverständliches und spülen den Hochprozentigen die Kehle hinunter. Am Rande der Karnevalsumzüge haben sich in den vergangenen Tagen teilweise bedenkliche Szenen abgespielt. Für einige Kinder und Jugendliche endete der Alkoholexzess im Krankenhaus.
So etwas habe er in 13 Jahren noch nicht erlebt, sagt Dr. Stephan Dreher, Chefarzt der Kinder- und Jugendstation am St.-Clemens-Hospital Geldern: Sieben Kinder zwischen zwölf und 16 Jahren sind über die Karnevalstage mit zum Teil lebensgefährlichen Alkoholvergiftungen im Krankenhaus eingeliefert worden und mussten stationär behandelt werden. Die Mehrzahl der Patienten seien Mädchen gewesen. "Ich bin sehr betroffen von der Entwicklung", sagt Dreher.
Der Mediziner
Chefarzt Dr. Stephan Dreher leitet seit 1999 den Fachbereich Kinder- und Jugendmedizin am St.-Clemens-Hospital Geldern.
Seit mehr als 20 Jahren ist Arzt.
Ein Jugendlicher sei so "außer Rand und Band" gewesen, dass er auf der Intensivstation fixiert werden musste. Andere seien bewusstlos gewesen oder zeigten keine Abwehrreaktionen mehr. Einige mussten sogar zwei Nächte im Krankenhaus verbringen, weil "wir die Eltern nicht erreichen konnten", so Dreher. Das Krankenhaus ist verpflichtet, jedes alkoholisierte Kind aufzunehmen und erst mit Einverständnis der Eltern zu entlassen. "Das stellt dann schon ein organisatorisches Problem dar." Betten seien belegt gewesen, die für "normal" kranke Kinder gedacht gewesen seien.
Die Eltern hätten sehr unterschiedlich reagiert, sagt Dreher. Er habe mit jedem Kind und den Erziehungsberechtigten vor der Entlassung eine Unterredung geführt. "Einige Eltern waren enttäuscht, entsetzt, zornig, so, wie man es erwarten würde." Andere Reaktionen hingegen hätten ihn "überrascht", so Dreher, ohne konkret zu werden. Er sieht die "Eltern in der Pflicht".
Die meisten Patienten hätten sich an nichts erinnern können – Filmriss. "Das ist natürlich bei Mädchen besonders problematisch", sagt der Chefarzt, "einigen haben wir geraten, sich in der Gynäkologie untersuchen zu lassen." Bei allen eingelieferten Kindern seien darüber hinaus Drogentests gemacht worden. Alle fielen negativ aus. Die Ausfallerscheinungen rührten ausschließlich vom Alkoholkonsum her, erklärt Dreher.
Gelderns Bürgermeister Ulrich Janssen bestätigt, dass im Fall eines der betroffenen Patienten das Jugendamt tätig geworden ist. "Dazu sind wir verpflichtet." Die anderen Patienten fielen nicht in den Verantwortungsbereich der Gelderner Verwaltung. Janssen zieht derweil eine positive Bilanz der jecken Tage: "Unser gemeinsames Konzept mit der Polizei hat gegriffen." Ein konkretes Problem mit alkoholisierten Jugendlichen sei aus Sicht der Stadt nicht zu erkennen gewesen.
Seitdem verstärkt Beamte des Ordnungs- und Jugendamtes verdächtig jung aussehende Jecken kontrollierten, habe sich auch die Zahl der handgreiflichen Auseinandersetzungen reduziert. "Im Vergleich zu den vergangenen Jahren hat sich die Bilanz erheblich verbessert." Was Janssen auch darauf zurückführt, dass Maßnahmen wie "Ohne Alkohol – wir machen mit" auch von den Veranstaltern getragen würden. Kommentar
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