Geldern: Telekom setzt auf „Schandpfähle“
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 21.10.2006Geldern (RPO). An mehreren Innenstadt-Standorten lässt die Telekom Telefonsäulen installieren – und wird dafür wohl die echten Telefonzellen abbauen. Bei den Geldernern kommen die in der Branche als „Schandpfahl“ verspotteten Billig-Telefone gar nicht gut an. Roger Bruns, Heinz-Peter Hanßen, Judith Hendricks, Bettina Hermsen und Markus Kasperczyk haben zur neusten Telekommunikationseinrichtung auf dem Gelderner Marktplatz eine klare Meinung: „Wie Ästhetik-allergisch muss man eigentlich sein, um diesen Standort als geeignet anszusehen?“, fragten die verärgerten RP-Leser in einem Brief an die Redaktion.
Ein unpassenderer Ort für das in der Branche als „Schandpfahl“ verspottete Billig-Telefon als ausgerechnet direkt vor der schönen Fassade von Kleinbielen lasse sich wohl kaum finden, wenn die Telekom schon zusätzliche Telefone installieren wolle.
Werden die Zellen abgebaut?
Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass die Telekom keineswegs vorhat, ihr Angebot auszuweiten, sondern demnächst die beiden Telefonzellen am Drachenbrunnen entfernen wird. Stadtsprecher Herbert van Stephoudt: „Wir vermuten das, zumal es dort ja immer wieder zu Vandalismus kommt.“ Die Telekom selbst, von der Redaktion um eine Stellungnahme gebeten, äußerte sich nicht zu ihren Plänen.
Vom Kiosk zur Zelle
Die erste öffentliche Telefonzelle in Deutschland wurde als „Fernsprechkiosk“ der Reichspost am 12. Januar 1881 in Berlin in Betrieb genommen. Erst 1899 wurden Münzfernsprecher eingeführt, vorher mussten Kunden Telefonbilletts kaufen. Die erste klassische Telefonzelle wurde 1908 in Nottingham aufgestellt.
An fünf weiteren Stellen in der Innenstadt will die Telekom laut Stadt die weder Wetter- noch Mithörer-geschützten Telefonsäulen installieren. Eine soll zum Beispiel gegenüber des Ratskellers errichtet werden, eine weitere am Spielplatz Kapuzinerstraße. Was nach Ausweitung des Angebots aussieht, ist in Wahrheit eine Spar-Initiative. Innerhalb von zehn Jahren reduzierte die Telekom den Bestand an Telefonzellen bundesweit von 160 000 auf 115 000. Dann ging sie in einem zweijährigen Versuch dazu über, 15 000 als extrem unwirtschaftlich eingestufte Telefonzellen durch die Billig-Telefone zu ersetzen.
Zum Vergleich: Die Kosten einer normalen Telefonzelle sollen bei 7500 Euro liegen, die Telefonsäulen kosten nur 500 Euro pro Stück. Bereits im März meldete das „Westfalen-Blatt“, die Telekom habe sich bei der Bundesnetzagentur die Genehmigung geholt, weitere 20 000 unrentable Telefonhäuschen durch die als „Basistelefon“ bezeichneten Säulen zu ersetzen. Die Bundesnetzagentur habe die Basistelefone aufgrund des Pilotversuchs der Telekom als „vollwertige öffentliche Fernsprecheinrichtung“ anerkannt – auch ohne Beleuchtung und Wetterschutz.
Insgesamt stufe die Telekom 30 000 bis 35 000 ihrer Teleonzellen als unwirtschaftlich ein. Unwirtschaftlich bedeute, dass der monatliche Umsatz der Zellen unter 125 Euro im Monat liege. Im Vergleich zu anderen „Schandpfählen“ ist das neue Billigtelefon am Markt schon eine Luxus-Ausführung: Es verfügt über einen minimalen Wetterschutz und wird offensichtlich auch für Münzbetrieb ausgerüstet.
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