Geldern: Wüste Mails nach TV-Bericht
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 24.10.2007Geldern (RPO). Nach der ARD-Sendung „Report“ über einen vermeintlichen Skandal im Gelderner Jugendamt müssen sich Bürgermeister und Jugendamtsleiter beschimpfen lassen. Dabei steht der TV-Bericht auf sehr dünnem Eis.
Nach dem TV-Bericht „Kindesentzug auf Verdacht?“ der Report-Redaktion des Bayerischen Rundfunks, ausgestrahlt am Montagabend in der ARD (siehe RP von gestern), prüft die Stadt Geldern, ob sie rechtlich gegen den Bayerischen Rundfunk vorgeht. Das „Report“-Team hatte als Exempel für die „unkontrollierte Macht der Jugendämter“ den Fall eines bei seinen Großeltern lebenden Kindes aus Geldern aufgegriffen, dessen Vormundschaft in zweiter Instanz vom Vormundschaftsgericht auf das Gelderner Jugendamt übertragen wurde.
Ohne jede Unkenntlichmachung und unter voller Namensnennung der Großeltern hatte das TV-Team das Kind gefilmt und als behindert und hyperaktiv bezeichnet. Eine Einwilligung des die Rechte des Kindes vertretenden Jugendamts holte der Bayerische Rundfunk nicht ein. Dass die Großeltern sich bis zu der einstweiligen Verfügung des Gerichts mehreren Aufforderungen zur Vorführung des Kindes verweigert hatten, erfuhren die TV-Zuschauer nicht.
Beitrag im Internet
Die Report-Redaktion hat das Manuskript der Sendung und ein Online-Video inzwischen ins Internet gestellt. Nach ARD-Angaben wurde die Sendung am Montagabend von 3,05 Millionen Zuschauern gesehen, was 10,2 Prozent Marktanteil entspreche.
http://www.br-online.de/ daserste/report/
Finanzmaklerin als Rechtsbeistand
Als Kronzeugin für das vermeintlich Unrecht, dass den Großeltern durch das Gelderner Jugendamt geschehe, trat in dem Beitrag eine Frau namens Elisabeth Sodies als „Rechtsbeistand“ vor die Kamera und erklärte zu Hinweisen auf Misshandlungen des kleinen F.: „Das ist ein total ganz normaler Körper, auch keine Rückstände oder sonst was. Ich war auch vergangene Woche wieder da. Ich habe noch nie Striemen gesehen oder sonst was, sonst hätte ich den Fall auch gar nicht angenommen oder hätten wir uns der Sache nicht angenommen. Denn es gibt schon einige Kinder, die geschützt werden müssen. Das ist gar kein Thema. Aber nicht aus gesunden Familien herausreißen.“
Die Bezeichnung „Rechtsbeistand“ für Sodies war mit Bedacht gewählt: Sie ist weder Rechtsanwältin noch medizinisch sachverständig. Im März 2003 agierte die Kölnerin mit der Berufsbezeichnung „Finanzmaklerin“ in einer NDR-Dokumentation, dort als Opfer von klüngelnden Juristen, die sie angeblich um das Geschäft ihres Lebens gebracht hätten. Sodies fungiert unter anderem als Vizepräsidentin eines „Senioren-Vereins“ namens SC-Exclusiv, für den sie als „Kämpferin für die Menschenrechte bekannt aus der Sendung ,Pfusch in der Justiz’“ auftritt.
Experte war noch nie in Geldern
Zweiter Kronzeuge gegen das vermeintlich schändliche Treiben des Gelderner Jugendamts: Heribert Giebels, der laut BR zwanzig Jahre lang „im Jugendamt tätig“ war. Der erklärte: „Das deutsche Jugendamt ist die Behörde, die ihresgleichen sucht in Europa. Es ist also die Behörde, die also ganz massiv in die Grundrechte von Menschen, insbesondere von Familien und Kindern eingreift. Aber es gibt keine übergeordnete Behörde, die das Jugendamt auch kontrolliert.“ Der Bayerische Rundfunk klärte seine Zuschauer weder darüber auf, das jede Jugendamts-Entscheidung der gerichtlichen Überprüfung unterliegt, noch darüber, was Giebels Einlassungen eigentlich mit dem Jugendamt Geldern und dem konkreten Fall zu tun haben. Giebels hat das Gelderner Jugendamt nämlich noch nie von innen gesehen. Beschäftigt war im Jugendamt Bad Homburg, bis er dort 2003 vom zuständigen Landrat wegen „Störung des Betriebsfriedens“ ins Sozialamt versetzt wurde. Wie die „Saarbrücker Zeitung“ berichtete, trat Giebels als Vize-Vorsitzender des Kinderschutzbundes Saarland zurück, der sich von Giebels distanzierte.
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