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Kairo/Uedem/Düsseldorf: Chaos am Flughafen Kairo

VON JULIA LÖRCKS UND SEBASTIAN RADERMACHER - zuletzt aktualisiert: 01.02.2011 - 10:34

Kairo/Uedem/Düsseldorf (RPO). Tausende Touristen und Einheimische wollen Ägypten schnellstmöglich verlassen. Am Airport in Kairo ist die Stimmung gereizt, die Menschen sind aggressiv. Auch viele Deutsche sitzen am Flughafen fest. Einige von ihnen hatten Glück: Sie wurden gestern ausgeflogen. Darunter auch Hanne Himmes (28) aus Uedem.

Am Flughafen in Kairo herrscht Ausnahmezustand. Tausende Menschen belagern in der Abflughalle die Check-in-Schalter der Fluggesellschaften. Dicht gedrängt stehen sie Schlange. Sie warten, telefonieren, hoffen und bangen. Eine Durchsage ertönt, Stimmengewirr, heller Aufruhr. Immer wieder diskutieren die Menschen mit den Mitarbeitern der Airlines, die Stimmung ist aggressiv. Alle haben nur einen Wunsch: Sie wollen das Land verlassen – so schnell wie möglich.

Unter ihnen auch Hanne Himmes, 28 Jahre alt, aus Uedem-Keppeln im Kreis Kleve. Gemeinsam mit ihrem Freund Dietmar Glatz (31) aus Wien will sie raus aus Ägypten. "Die Zustände hier sind chaotisch, wir wollen nur noch weg", sagt Himmes, die seit anderthalb Jahren an der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Kairo Deutsch und Sport unterrichtet, unserer Zeitung. Eigentlich sollten ihre Schülerinnen am Donnerstag die erste Abiturprüfung schreiben. Doch daraus wurde nichts. Von ihrer Wohnung aus, etwa drei Kilometer Luftlinie von den Unruhen im Zentrum entfernt, beobachteten Hanne Himmes und ihr Freund die Lage: "Wir haben uns auf Twitter und Facebook über die Lage informiert, bis abends dann die Leitungen gekappt wurden." Am Freitag war auch das Mobilfunknetz nicht mehr betriebsbereit. Seit Samstag sind beide von der Schule freigestellt.

Foto: Privat

"Wir wollten erst hier bleiben, aber die Proteste werden immer gewalttätiger. Es gibt keine Polizei mehr, nur noch die Bürgerwehr, die mit Messern und Waffen an jeder Straßenecke steht. Dazu die vielen Räuber. Eigentlich kann jeder hier ein Räuber sein", sagt Himmes. Bedroht wurde sie zwar noch nicht, aber   sicher   fühlt   sie  sich   in der 18-Millionen-Einwohner-Stadt, in der etwa 5000 Deutsche leben, auch nicht mehr. "Am Sonntag haben wir unsere Koffer gepackt und sind mit dem Taxi zum Flughafen gefahren. Das war ein gespenstischer Moment, als wir die vielen Militärs entlang der Straßen gesehen haben", berichtete sie. Zuvor hatten sich Himmes und Glatz in einem Supermarkt noch mit Lebensmitteln eingedeckt.

Das war auch gut so, denn am Flughafen in Kairo gibt es mittlerweile weder einen Kaffee noch ein Butterbrot mehr zu kaufen. Die Nacht verbrachte Himmes mit ihrem Freund am Airport – in der ständigen Hoffnung, ein Flugticket zu ergattern. Gestern Mittag, um kurz nach 12 Uhr, kommt die erlösende Nachricht: "Wir haben Tickets für einen Flug um 16.10 Uhr mit Austrian Airlines", sagt Himmes. Nur 20 Plätze standen für den Flug nach Wien zur Verfügung. Dietmar Glatz als geborener Österreicher stand auf Platz eins, Hanne Himmes auf Platz 18.

Als die junge Lehrerin ihre Tickets fest in den Händen hält, eskaliert die Situation an den Schaltern der ägyptischen Fluggesellschaft Egypt Air, die seit dem Wochenende den kompletten Flugverkehr eingestellt hat: Menschen treten Türen ein, beim Kampf um Informationen und Flugtickets fliegen plötzlich die Fäuste.

Die großen deutschen Reiseveranstalter empfehlen Urlaubern, Reisepläne nach Ägypten generell zu überdenken. Trotz der nach wie vor ruhigen Lage in den Urlaubsgebieten am Roten Meer sollten keine weiteren Gäste in das Land reisen, erklärte Rewe Touristik. Damit wolle das Unternehmen zur Entlastung der Infrastruktur vor Ort beitragen. Denn wegen der Unruhen sei die Versorgung der Menschen dort bereits problematisch. Zahlreiche Staaten haben gestern Bürger aus Ägypten ausgeflogen. Neben Deutschland organisierten auch die USA, China, Japan, Indien und die Türkei zusätzliche Flüge, um Staatsangehörigen die Heimkehr zu ermöglichen.

In den ägyptischen Feriengebieten fernab der Großstädte reagierten Touristen gelassen auf die Unruhen: Die meisten brachen nach Angaben der Reiseveranstalter ihren Urlaub nicht ab. Zurzeit sind noch mehrere tausend deutsche Touristen in Ägypten. Der Veranstalter Thomas Cook fliegt trotz der Unruhen weiterhin mehrmals pro Woche die Urlaubsorte am Roten Meer an. "Unseren Gästen geht es gut, es gibt nur wenige Rückfragen von besorgten Urlaubern wegen eines früheren Rückflugs", sagte eine Sprecherin. Eine Umbuchung sei weiterhin jederzeit möglich.

Petra Ebel aus Düsseldorf hat solche Zustände, wie sie derzeit in Ägypten herrschen, noch nie erlebt. Nach einer Woche Urlaub in Luxor mit einer Inline-Skating-Reisegruppe wollte sie am Sonntag zurück nach Deutschland fliegen – vergeblich. Zwölf Stunden saß die 37-Jährige am Airport in Luxor fest, verpasste dadurch in Kairo den Anschlussflug Richtung Heimat. "Es gibt keine Informationen, keine Ansprechpartner. Alle wollen einfach nur noch raus aus dem Land – egal was es kostet", sagt Ebel: "Die Lage hier in Ägypten wird in Deutschland völlig verharmlost dargestellt. Hier herrscht großes Chaos."

Gestern Nachmittag: Mitarbeiter der deutschen Botschaft auf dem Flughafen in Kairo versuchen, den vielen Deutschen bei der Ausreise zu helfen. Zur gleichen Zeit werden weitere Botschaftsmitarbeiter nach Alexandria geschickt, um dort deutschen Staatsbürgern zu helfen. Hubert Müller, Leiter der deutschen Schule in Alexandria, will sich mit einer Gruppe von 14 Personen mit dem Bus nach Kairo durchschlagen – ohne Erfolg. Für den Bus gibt es auf der Autobahn kein Durchkommen, weil Tausende entflohene Häftlinge eines nahe gelegenen Gefängnisses auf die Autobahn gelaufen sind und versuchen, Autos in ihren Besitz zu bringen.

Für Petra Ebel geht am Nachmittag plötzlich alles ganz schnell: "Ich habe gerade ein Flugticket bekommen, in zehn Minuten soll es losgehen", sagt die Düsseldorferin überglücklich. Dass der Flieger gestern Abend in Frankfurt landen soll und ihr Gepäck weiterhin irgendwo am Airport in Kairo liegt, ist der 37-Jährigen egal: "Ich bin einfach nur glücklich, dass ich endlich nach Hause komme."

Quelle: RP

 
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