Kevelaer: Auf dem letzten Weg
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 31.12.2008Kevelaer (RPO). Die Menschen, die ins Wettener Hospiz kommen, haben meist nur noch wenige Tage zu leben. Doch anstatt über den Tod zu sprechen, freuen sie sich lieber aufs Essen, die Blumenfrau und den Frisör.
Hospiz Wetten
Gründung Das Hospiz wurde am 1. Oktober 1997 eröffnet.
Mitarbeiter Im Hospiz arbeiten 15 Krankenschwestern und Krankenpfleger, außerdem 29 ehrenamtliche Mitarbeiter.
Gäste Im Haus gibt es zehn Betten. 95 Prozent der Gäste haben Krebs, 5 Prozent sind chronisch erkrankt.
In dem Haus, in dem pro Jahr 90 bis 100 Menschen sterben, sind die wichtigsten Themen: Nagellack, Friseur, Fernsehprogramm, Blumen, Pudding. Wer ins Hospiz nach Wetten kommt, hat im Schnitt noch 26 Tage zu leben und will die nicht damit verbringen, über den Tod zu sprechen.
Draußen fahren Autos vorbei, als ob nichts wäre. Um 9 Uhr hat die Frühschicht bereits drei Stunden Arbeit hinter sich. Gäste waschen, umheben, das Frühstück zubereiten. Sie sagen bewusst Gäste und nicht Patienten. Nun sitzen die vier Mitarbeiter in der Küche und frühstücken selbst. Das machen sie jeden Morgen. Auf dem Tisch eine Tüte mit Brötchen, Aufstrich, Marmelade, Kaffee. Sie reden darüber, wie man am schnellsten in die Klinik nach Bocholt kommt. Krankenschwester Marion schwört auf den Weg über Holland, die anderen zweifeln das an. Als Marion sich an einem Brötchen verschluckt, meint Leiterin Birgitt zu Krankenpfleger Bastian: „Greif sie doch mal von hinten.“ Weil er sitzenbleibt, sagt Marion lachend: „Du rettest ja nicht mal deine Kollegin.“
Hiltrud gießt die Blumen
Gegen 10 Uhr kommt Hiltrud. Hiltrud ist 70, nett wie die Oma, die jeder haben will, und gießt ehrenamtlich die Blumen im ganzen Gebäude. Ihr Mann hat mehrere Monate in diesem Hospiz gelegen, da hat sie immer die Blumen in seinem Zimmer gegossen. Einige Monate nach seinem Tod beschloss sie: „Ich kümmere mich um alle Blumen.“ Hiltrud füllt Wasser in eine Gießkanne und betritt Zimmer 10. Eine Frau liegt im Bett und schläft. Hiltrud gießt die Topfpflanzen. Als die Frau aufwacht, beugt sich Hiltrud über sie, drückt ihre Hand und fragt: „Hast du gut geschlafen?“ Zu einigen Gästen hat sie einen engen Kontakt. Wenn sie davon erzählt, bekommt sie feuchte Augen und macht eine wegwischende Handbewegung.
In der nächsten halben Stunde arbeitet sie sich von Zimmer zu Zimmer. In einem Raum stellt sie einen Mini-Tannenbaum um, weil sie findet, dass der dort blöd steht. Ein alter Mann, der eingemummelt im Bett liegt, begrüßt sie mit den Worten: „Da kommt der Blumenservice.“ In einem anderen Zimmer sagt Hiltrud zu der Frau: „Ich nehm die Blume mal eben mit und schneid sie an. Sonst geht die kaputt, und das wäre schade.“ Ein Mann sagt: „So langsam habe ich mich eingelebt.“ Ein anderer ist ins Fernsehprogramm vertieft. Im nächsten Zimmer liegt ein Mann und schläft mit offenem Mund. Vor 14 Tagen hat Hiltrud ihn dazu überredet, sich die Krippe im Gemeinschaftszimmer anzusehen. Nun liegt er nur noch da. Hiltrud findet, dass die Blumen wichtig sind für die Gäste. Wenn sie Krebs kriegen sollte, möchte sie im Hospiz sterben.
Nach zwei Stunden und 120 Blumen ist sie fertig. Sie verabschiedet sich von Marion, die gerade in der Küche das Mittagessen in der Mikrowelle aufwärmt. Der Renner sind Suppen, Pudding und Eis. Auf einem Tablett bringt sie das Essen zu den Gästen. „Kann ich mich noch sehen lassen?“, fragt eine Frau. „Gerade noch, aber vor dem Tanztee kommt der Friseur.“ Der Friseur ist wichtig, bei vielen auch lackierte Fingernägel. Marion kehrt wieder in der Küche zurück und erklärt den anderen, wie eine Kaffeekanne sauber wird. „Einfach Wasser und Zewa rein und schütteln.“
Draußen fahren Autos vorbei, als ob nichts wäre. Es ist ja auch nichts.
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