Kevelaer: Inge Deutschkrons Glück
VON ANJA SETTNIK - zuletzt aktualisiert: 19.03.2009Kevelaer (RPO). Sie hat ihr Überleben Zufällen und einem mutigen Menschen – Otto Weidt – zu verdanken: Die jüdische Autorin Inge Deutschkron aus Berlin berichtete gestern in der Kevelaerer Buchhandlung Reul aus ihrem Leben.
Beim Kaffeetrinken am Kapellenplatz wagt sie es kaum einzugestehen: Inge Deutschkron war nie religiös. Aber sie ist Jüdin, und das hat gereicht, um von den Nationalsozialisten verfolgt zu werden. Nur durch Glück und die Bekanntschaft mit mutigen Menschen hat die heute 86-Jährige die schlimmsten Jahre in der der Geschichte Deutschlands überlebt. Und bis heute ist sie damit beschäftigt, zu verarbeiten, was ihr und unzähligen anderen Juden damals widerfahren ist. Gestern hielt sie einen Vortrag in der Buchhandlung Reul und nahm sich vorher Zeit für ein Pressegespräch.
Im Büro gearbeitet
Inge Deutschkron wurde 1922 in Berlin geboren und hat ihr Überleben dem Umstand zu verdanken, dass sie im Büro von Otto Weidts Blindenwerkstatt gebraucht wurde. Weidt, selbst fast blind, hatte um 1940 eine Besen- und Bürstenbinderei gegründet und dort blinde und gehörlose Juden beschäftigt. Gegenüber der Gestapo stellte er sich als harten Aufseher in seiner Werkstatt dar, in Wahrheit half er den Beschäftigten, indem er einen Teil der Produktion heimlich gegen Lebensmittel und Kleidung umtauschte. Er bestach die Gestapo-Leute und rettete viele Mitarbeiter vor der Deportation.
Ihre Werke
Die 86-jährige Autorin wurde im vergangenen Jahr mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für ihr fortdauerndes Engagement für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet, ihr bekanntestes Werk ist "Ich trug den gelben Stern". Im Verlag Butzon & Bercker erschien zunächst das Bilderbuch "Papa Weidt", im vergangenen Jahr der Band "Blindenwerkstatt Otto Weidt".
"Otto Weidt war schlau, es gab für alle Notfälle ausgefuchste Pläne", erinnert sich Inge Deutschkron. So prüfte das Lehrmädchen am Eingang, wer kam, und wenn es gefährliche Kontrolleure waren, versteckten sich die jungen Gesunden wie die spätere Autorin, und nur die Blinden ließen sich zur Schau an ihren Besen vom Chef drangsalieren. Das ging gut bis 1943. Über befreundete Familien sorgte Weidt dafür, dass viele seiner Schützlinge bei Berliner Familien versteckt wurden, bei anderen erreichte er, dass sie "nur" nach Theresienstadt und nicht gleich nach Ausschwitz kamen. In den Augen von Inge Deutschkron war Otto Weidt ein leiser Held. Ihm ist heute ein kleines Museum am Hackescher Markt gewidmet, dem auch eine Gedenkstätte angehört.
Die heute 86-Jährige versuchte nach dem Krieg in London zu leben, wurde dort jedoch nicht heimisch. Ab 1956 lebte sie als freie Journalistin in Bonn, fühlte sich aber als Jüdin unwillkommen. Sie scheut sich nicht zu sagen, dass "in den Ministerien und Ämtern doch noch die Nazis saßen", die sie ihre Abstammung spüren ließen. Wenn sie auch später für die israelische Zeitung Maariv arbeitete, wurde ihr jedoch auch Tel Aviv nicht zur Heimat, so dass Inge Deutschkron heute wieder ganz in Berlin lebt.
Sie hat gemeinsam mit dem Illustrator Bruder Lukas, einem Benediktinermönch, das Kinderbuch "Papa Weidt" und später eine Version der Geschichte für Jugendliche geschrieben, die dank vieler Quellen und einer Zeittafel auch gut für den Unterricht geeignet ist.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum


