Kevelaer: Zu viel Antibiotika für Kinder
VON HANS HENDRIK FALK - zuletzt aktualisiert: 21.02.2012Kevelaer (RP). Laut einer neuen Studie werden Kindern zu oft unnötig Antibiotika verschrieben – vor allem dort, wo wenig Kinderärzte niedergelassen sind. Mit drei Kinderärzten vor Ort hat Kevelaer eine gute Versorgung.
Die Wartezimmer in den Arztpraxen sind jahreszeittypisch derzeit stark belegt. Vor allem von Kindern mit Erkältungsymptomen: Schnupfen, Husten, Hals- und Ohrenschmerzen, Fieber. "Das sind überwiegend Virus-Erkrankungen", sagt Dr. Hanne Kühnen, Kinderärztin in Kevelaer. "Die beste Medizin, die ich da verschreiben kann, ist ,Bettruhe'", erklärt Kühnen. Doch nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung verschreiben viele Ärzte den Kindern Antibiotika, obwohl diese nur bei bakteriellen Erkrankungen, wie beispielsweise einer eitrigen Mittelohrentzündung oder einer Streptokokken-Infektion im Hals, angezeigt sind. Es handelt sich laut Studie dabei überwiegend um Hausärzte, die vorschnell die Chemiekeule einsetzen.
So wirken Antibiotika
Antibiotika sind Wirkstoffe, die für spezielle lebende Zellen schädlich sind, indem sie deren lebensnotwendige Stoffwechselvorgänge oder Vermehrung blockieren.
Die Wirkung vieler Antibiotika zielt auf die Zellen von Bakterien und anderen Krankheitserregern.
Sie werden zur Bekämpfung von Infektionen verwendet. Einige Antibiotika werden bei Tumorbehandlungen eingesetzt.
Im Kreis Kleve werde pro Jahr jedem zweiten Kind zwischen drei und sechs Jahren ein Antibiotikum verschrieben. Ein für ländliche Regionen durchschnittlicher Wert. Ob ein Antibiotikum verschrieben wird, ist laut Studie davon abhängig, wie viele Kinder- und Jugendärzte vor Ort niedergelassen sind. Diese setzten seltener Antibiotika ein.
Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands, erklärt: "Sie kennen ihre jungen Patienten oft von Geburt an und können Beschwerden besser einschätzen als andere Fachgruppen, zu denen die Kinder und Jugendlichen nur in Ausnahmefällen gehen, und die sie dann aufgrund des hohen Drucks, viele Patienten in kurzer Zeit zu behandeln, schnell mit einem Antibiotikum versorgen."
In Kevelaer gibt es drei niedergelassene Kinderärzte. Ein guter Anteil in Relation zur Einwohnerzahl. "Deswegen", sagt Dr. Kühnen, "glaube ich, dass hier in Kevelaer den Kindern nicht unnötig Antibiotika verschrieben werden." Ihrer Erfahrung nach seien die Eltern mittlerweile aber auch sehr sensibel geworden, was Therapiemaßnahmen betreffe. Die meisten Mütter seien sehr gut informiert, erklärt die Kinderärztin. "Häufig ist es sogar so, dass ich die Eltern überreden muss, dass eine Penicillin-Behandlung bei ihrem Kind angezeigt ist", so Kühnen.
Die zu häufige Einnahme von Antibiotika kann dazu führen, dass sich bakterielle Keime daran gewöhnen – die Bakterien werden resistent; das Medikament wirkt dann nicht mehr. Weitere unangenehme Nebenwirkungen von Antibiotika: Sie wirken nicht nur gegen krank machende Bakterien, sondern auch gegen die nützlichen im Körper – zum Beispiel im Darm.
Von ihren Kollegen in Kevelaer, Dr. Abiodun Ogundare und Dr. Wilhelm Stassen, und denen im Kreis weiß Kühnen, dass diese ebenfalls sehr verantwortungsvoll bei der Antibiotika-Gabe vorgingen. "Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst", sagt sie. KOMMENTAR
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