Fußball: Den Rückwärtsgang vergessen
VON HELMUT VEHRESCHILD - zuletzt aktualisiert: 28.04.2008Dattenfeld statt Aschaffenburg?
Begräbnisstimmung herrschte unmittelbar nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Philipp Dräger im Lager des 1. FC Kleve. Michael Jaliens sprach von einem guten ersten Durchgang. „In der zweiten Halbzeit haben wir zu viele Fehler gemacht, aus denen die Gegentore entstanden sind.“
Pechvogel Patrick Behrendt, der zum 2:1-Anschlusstreffer für Bonn angeschossen wurde, zuckte mit den Schultern: „Da konnte ich nichts machen. Später haben wir dann komplett den Faden verloren.“
Adrian Mahr übte schonungslos Selbstkritik: „Wir können nicht auf die Ergebnisse der anderen schauen, wenn wir selbst verlieren. Wenn wir ein Gegentor kriegen, fällt alles wie ein Kartenhaus zusammen.“ Einzig Ercan Sendag verbreitete gute Laune. „Wir steigen auf. Wir haben noch eine Chance.“
Bonns Übergangstrainer Oliver Ebersbach wirkte auf der Pressekonferenz noch ziemlich mitgenommen: „Vom Spielverlauf war alles drin. Wir Trainer haben einiges an Nerven gelassen. Ich kann vor meiner Mannschaft nur den Hut ziehen.“ In der Pause sei er etwas lauter geworden, verriet Ebersbach. „Der Sieg geht in Ordnung.“
„Wir schlagen uns selbst“
Ganz anders war die Stimmungslage bei Kleves Coach Arie van Lent. „Der größte Gegner auf dem Platz sind wir selbst. Wir schlagen uns selbst.“ In einigen Situationen sei man unkonzentriert gewesen. „Am Anfang sind wir selbstbewusst aufgetreten. Nach einer Viertelstunde war alles weg“, so van Lent, der den Bonner Sieg als „absolut verdient“ bezeichnete. Insgesamt sei es sehr enttäuschend gewesen. Problematisch sei vor allem das taktische Verhalten. „Die Spieler rennen nach vorne und vergessen dabei den Rückwärtsgang. Wenn nicht alle mitmachen, sieht das so aus“, ärgerte sich der FC-Trainer über die vermeidbare 3:4-Niederlage.
Muss man die Kicker des 1. FC Kleve nun bedauern oder schüttet man einfach einen Kübel Häme auf die Balltreter im rot-blauen Dress? Eine Frage, die in der momentanen Situation schwer zu beantworten ist. Im ersten Durchgang war gestern zu spüren, dass der Siegeswille zurückgekehrt war, es wurde auch ganz passabel Fußball gespielt. Doch spätestens nach dem unglücklichen Eigentor durch Behrendt waren van Lents Fußballer wieder von allen guten Geistern verlassen. Die Ordnung in der Hintermannschaft ging verloren, selbst ein Routinier wie Eraslan leistete sich haarsträubende Fehler, die nicht ohne Folgen blieben. Während Bonn andeutete, dass dort viel mehr Potenzial steckt als es die aktuelle Tabelle aussagt, lief Kleve sehenden Auges ins Verderben. Der Volksmund sagt: „Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man geschenkt.“ Ob die einmal mehr bitter enttäuschten FC-Fans noch Mitgefühl für die Bresserberg-Elf aufbringen, darf bezweifelt werden. Auch wenn man an dieser Stelle vielleicht für verrückt erklärt wird: Theoretisch ist der Regionalliga-Aufstieg immer noch machbar. Essen schwächelt ebenso. Allerdings: Ohne den Glauben an die alte Stärke wird es nichts mehr - Dattenfeld statt Aschaffenburg?
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