Kleve: "Alter, zeig Respekt"
VON MICHAEL BAERS - zuletzt aktualisiert: 10.10.2009Kleve (RPO). Deutschland ist entsetzt über den "Fall Kassandra". Statistiken belegen, dass die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen zunimmt – was sie selbst dazu sagen, zeigte ein Schulprojekt in Kooperation mit dem Theater mini-art.
KLEVE-BEDBURG-HAU Der abschließende Applaus bedeutete für jeden der zehn Akteure Erfolg auf ganzer Linie – ein Gefühl, das den 16- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen bisher nicht allzu oft begegnet ist, denn die Schüler des Berufsorientierungsjahres des Berufskollegs Kleve repräsentieren die Jugendlichen, die es aus vielerlei Gründen besonders schwer haben, Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Erfolg auf ganzer Linie deshalb, weil neben der vehement geforderten Zugabe und der aus dem Publikum schüchtern vorgetragenen Frage nach der Handynummer eines der Mädchen noch etwas anderes, weniger Offensichtliches beeindruckte.
Der "Fall Kassandra"
Anfang dieser Woche kam heraus, dass ein 14-jähriger Jugendlicher ein neunjähriges Mädchen in Velbert-Neviges vor knapp drei Wochen fast zu Tode geprügelt und daraufhin in einen Kanalschacht geworfen haben soll. Der mutmaßliche Täter bestreitet die Tat nicht nur, sondern gibt sich laut Polizei auffallend emotionslos.
Versprecher führt zum Kern
Zu Beginn der Aufführung, als Darsteller und Publikum noch gleichermaßen nervös und gespannt waren, gab es auf der Bühne noch die eine oder andere Unsicherheit und als Folge dessen einen Versprecher. Einer der männlichen Zuschauer lachte laut los, wurde jedoch sofort von seinem Sitznachbarn zurechtgewiesen: "Alter, zeig Respekt", herrschte er ihn an und traf damit den Kern des gesamten Projektes.
Themen des titellosen Theaterstücks waren Amok und Gewalt unter Jugendlichen. Ausgehend von ihren eigenen Beobachtungen, Erlebnissen und Gedanken hatten die Zehn mit Hilfe von Sjef van der Linden und Crischa Ohler vom Theater mini-art eigene Szenen und Texte erstellt. Dabei ging es von, in Standbildern dargestellten Alltagssituationen, in denen Aggression zu körperlicher Gewalt wird (auf dem Schulhof, auf der Straße) über einzelne Geschichten, die die Jugendlichen selbst erlebt haben, bis zur anschließenden Frage nach dem "Warum". "Vielleicht, weil er anders ist und so nicht akzeptiert wurde", "weil der Leistungsdruck zu groß ist", "weil sie voller Aggressionen sind und nicht wissen, wohin damit", "weil sie zu Hause keine Liebe bekommen, keine Aufmerksamkeit und keine Zuneigung". Aussagen, ebenso schlicht wie wahr.
Schon 1993 sangen die Ärzte "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe" und landeten mit dem Lied, dessen Refrain immer mit "Arschloch" endete, einen Hit. Das Fazit, das die Schüler zogen, war weniger plakativ. Ihre Aufführung endete im Gruppenbild. Sie zählten auf, was sie am Leben schätzen: "Freunde, Familie, Menschen, die für einen da sind, auf die man sich verlassen kann, mit denen man etwas zusammen macht und nicht gegeneinander." So versuchte das Stück, Gewalt aus der Sicht von Menschen zu erklären, die den Tätern und Opfern aus den Zeitungen und dem Fernsehen altersmäßig und emotional nahe stehen. Als Bilanz forderten die Schüler nicht zuletzt von sich selbst mehr Zivilcourage und zeigten damit große Wahrheiten im kleinen Theater.
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