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Kranenburg/Mönchengladbach : Auslaufmodell Hauptschule

VON DIETER DORMANN UND JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 07.09.2011 - 02:30

Heute beginnt auch an 670 Hauptschulen in NRW das neue Schuljahr. Wegen ihres schlechten Rufes, der demografischen Entwicklung und anderer Faktoren droht der Schulform laut vielen Fachleute in den nächsten Jahren das Aus. Pädagogen bedauern dies, sehen aber auch Zukunftschancen.

An der Hanna-Heiber-Hauptschule in Kranenburg im Kreis Kleve treffen sich die Lehrer bereits seit zwei Wochen regelmäßig – obwohl die 204 Schüler erst heute erstmals nach den Sommerferien zum Unterricht kommen. Regelmäßig haben die Pädagogen in den vergangenen 14 Tagen über Verbesserungen des Schulangebotes diskutiert. Nicht nur wegen dieses Engagements seiner Kollegen geht Schulleiter Bernd Rütten "sehr positiv gestimmt" ins neue Schuljahr. Während landesweit immer weniger Kinder nach der Grundschule auf eine Hauptschule wechseln (2010 waren es lediglich 12,3 Prozent), vielerorts Hauptschulen nicht mehr die nötige Schülerzahl von 18 erreichen, um eine 5. Klasse zu bilden sowie die Schulform als "Resterampe" für Jugendliche gilt, die keine andere Schule mehr aufnehmen will, bilden in Kranenburg 30 Schüler die 5. Klasse. "Acht davon kommen sogar aus anderen Städten", stellt der Kranenburger Schulleiter zufrieden fest. Bieten Hauptschulen ein qualifiziertes Angebot, erkennen dies Eltern seiner Erfahrung nach an und schicken ihre Kinder auf eine Hauptschule – sogar, wenn sie eine Empfehlung für die Realschule hätten.

Praxisorientiert

Auch Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, lobt die Hauptschule. Als Mitglied der Jury des Deutschen Hauptschulpreises nimmt sie alle zwei Jahre etliche Bewerber unter die Lupe. "Das sind die großartigsten Schulen, die man sich vorstellen kann – sowohl hinsichtlich der individuellen Förderung als auch der Berufsvorbereitung." Gerade für benachteiligte Kinder aus bildungsfernen Familien sei die praxisorientierte Hauptschule besser geeignet als die Gesamtschule, weil dort engagierter unterrichtet werde. Zudem mache Not erfinderisch. "Viele der später von anderen Schulformen aufgegriffenen Konzepte wurden in der Hauptschule entwickelt – etwa der jahrgangsübergreifende Unterricht oder Englisch in der Grundschule."

In Schwarzhoffs Augen wurde die Hauptschule in den vergangenen Jahren gezielt kaputt geredet. So sei Eltern gerne verschwiegen worden, dass die Absolventen mit weiteren Ausbildungen die Hochschulreife bekommen können. Der schlechte Ruf der Hauptschule sei der "ideologischen Verblendung der Einheitsschul-Missionare" zu verdanken. "Hinter der Idee, gymnasiale Standards ab der fünften Klasse einzuführen, steckt die Fehleinschätzung, jedes Kind sei gleichermaßen begabt", meint Schwarzhoff. Eltern sollten stattdessen genau überlegen, was sie ihrem Kind zutrauen. "Die Hauptschule ist die Basis für eine solide Karriere."

Berufsmarkt

Diese Ansicht teilt prinzipiell auch Peter Silbernagel, Sprecher des Aktionsbündnis Schule NRW. Allerdings dürfe man nicht die Augen davor verschließen, dass sich die Zeit und damit die Ansprüche des Berufsmarktes verändert hätten. "Es wird heute in allen Bereichen Qualifikation auf einem bestimmten Niveau verlangt", sagt Silbernagel. An der Daseinsberechtigung der Hauptschule ändere das aber nichts. Sie müsse nur gegenüber der Gesamtschule konkurrenzfähig bleiben, was oft schwierig sei, weil Eltern eher das Modell Gesamtschule unterstützen. "Das Problem bei der Hauptschule ist, dass Eltern sie nicht annehmen. Deshalb sehe ich langfristig eher in ländlichen Gebieten eine Chance für sie. Dort besteht oft ein enger Kontakt zu Betrieben, was den Schülern Perspektiven verschafft."

Doch auch im ländlichen Bereich droht Hauptschulen das Aus. Johannes Schrievers, Leiter der Sankt-Anno-Hauptschule in Straelen und Wachtendonk, meint: "Man muss die Entwicklung realistisch sehen." Die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem sei nicht mehr aufzuhalten. Die demografische Entwicklung, das Streben der Eltern nach immer besseren Abschlüssen für ihren Nachwuchs, Schlagzeilen á la Rütli sowie die Politik, die weg von dreigliedrigen System wolle – all das trage dazu bei, dass das Ende der Hauptschule nur eine Frage der Zeit sei. Wie schnell das Aus komme, hänge vom Standort und Ruf der jeweiligen Hauptschule ab. "Wir könnten sicher noch einige Zeit durchhalten. Aber man muss versuchen, die Richtung zu bestimmen, wenn man es noch kann – nicht wenn man schon krank ist", meint der Schulleiter. Nun gehe es darum, möglichst viel Positives, was die Hauptschule beispielsweise mit ihrer Berufsorientierung und ihren sozialen Angeboten sicher biete, in die neuen Schulformen hinüberzuretten.

Entwicklung positiv

Dass die Hauptschule ein "Auslaufmodell" ist, davon ist auch der Leiter der Mönchengladbacher Hauptschule Kirschhecke, Jack Onkelbach, fest überzeugt. Der Schulleiter sieht diese Entwicklung sogar positiv. Für ihn ist das bestehende Schulsystem ein "Anachronismus" (nicht der Zeit entsprechend). Jack Onkelbach meint: "Wenn es eine Schule gibt, die sich der Förderung aller verschreibt, wäre ich nicht traurig, wenn die Hauptschule schon morgen verschwindet."

Quelle: RP/jul


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