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Kleve: „Herr über Leben und Tod“

zuletzt aktualisiert: 22.11.2006

Kleve (RPO). Diplom-Psychologe Michael Bay von der Forensik der Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau zum Amoklauf in Emsdetten: „Kein Recht auf Wut, Hass und Vernichtung.“ RP-Redakteur Lutz Küppers sprach ihm.

Nach den Amokläufen in den USA, nach Erfurt und jetzt Emsdetten: Kann das überall passieren? Müssen Eltern jetzt auch hier Angst haben?

Bay Tja, . . . (zögerlich) . . . Ich kann schon nachvollziehen, wenn manche Eltern nun Angst haben. Aber wir wollen auch mal die Kirche im Dorf lassen. Es ist ja nicht alltäglich, dass frustrierte Schüler durch die Schule laufen und Ex-Lehrer und Schüler umbringen wollen. Das ist nicht Realität.

Trotzdem: Columbine Highschool, Erfurt, Emsdetten: Wird es bei Jugendlichen – um in deren Sprache zu bleiben – hip, mit der Waffe durch die Schule zu laufen?

Bay Das ist absoluter Blödsinn. Mir scheint es dagegen bedenkenswert, dass aggressives Handeln viel weitergehen darf als noch vor ein paar Jahren, bevor es sanktioniert wird. Man ist eher bereit, Gewaltgrenzen zu überschreiten.

Nicht jeder Pubertierende läuft aber gleich Amok.

Bay: Meiner Meinung handelt es sich in Emsdetten nicht um einen Amoklauf. Das war eine ideologisch begründete, geplante und angekündigte Tat. Hier reden wir von jemandem, der sich in Allmachtsfantasien verloren hat, der sich als Waffensammler als Herr über Leben und Tod gesehen hat. Er ging davon aus, dass die Welt einzig dafür da ist, dass es ihm gut geht. Wenn nicht, nahm er sich das Recht, tödliche Rache zu nehmen.

Woher kommt diese Einstellung?

Bay Auffällig ist, dass nicht nur Heranwachsende vereinsamen. Sie erfahren ihre Realität nur noch allein, am PC, ohne dass sich jemand um sie kümmert. Sie erfahren nicht mehr die Bedeutung der sozialen Gemeinschaft. Nehmen Sie nur die Bilder von dem jungen Mann in Emsdetten: Er hatte sich als Einzelkämpfer angezogen und erlebt, als Elite-Soldat. Doch das war nur seine innere Realität. Man hat nunmal keine 97 Leben wie in einem Computerspiel. Da spielt sicherlich auch sein Alter eine Rolle.

Und zwar welche?

Bay Während oder am Ende der Pubertät ist bei uns als junge Menschen alles durcheinander. Darauf wurde früher mehr Rücksicht genommen. Man braucht in dieser Phase Orientierungshilfen, man braucht auch Erwachsene, die für Werte und auch Grenzen stehen.

Welche Rolle spielen da die Eltern? Und wie sollen Sie sich verhalten, wenn sie sehen, dass der Sohn Killerspiele wie „Counterstrike” spielt?

Bay Es ist ja schon gut, wenn Eltern überhaupt mal schauen, was ihre Kinder machen. Und wenn sie ihnen auch mal klipp und klar sagen: „Ich will das nicht!“ Jugendliche brauchen in dieser Entwicklungsphase Eltern, mit denen sie sich auseinandersetzen, die sie aber auch lieben und verehren können. Dies ist zwingend notwendig für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, – eine Entwicklung, die bei dem jungen Mann in Emsdetten offenbar fehl gelaufen ist.

Also sind auch die Eltern schuld?

Bay Hier geht es nicht um Schuld. Schuldzuweisungen bringen nichts, dienen höchstens zur eigenen Beruhigung.

Sondern?

Bay Um Verantwortung, die die Eltern gegenüber ihren Kindern haben. Aber auch die des Täters gegenüber seinen Eltern und Geschwistern. Die ist in Emsdetten vollkommen verloren gegangen. Denn Eltern und Geschwister werden jetzt eine ganz schwere Zeit durchmachen, weil der Täter in einer Art Inszenierung, die er aus seiner fiktiven Welt bestens kennt, einfach abgetreten ist. Eine Welt, die nicht so war, wie sie für den Täter hätte sein sollen. Weil er nicht gelernt hatte, sich mit der Welt und anderen Menschen auseinanderzusetzen, meinte er das Recht auf diese Wut, Hass und Vernichtung zu haben.

Sie sprachen bereits eine gewisse Tendenz hin zur Verrohung an . . .

Bay Das kommt noch hinzu. Ich bin 51, und wir haben uns auch gekloppt. Aber nach klaren Regeln: keine Schläge ins Gesicht – und wenn jemand auf dem Boden lag oder sagte, „Ich gebe auf”: Dann war Schluss. Diese Grenze wird heute überschritten. Und das liegt zu einem gewissen Teil sicherlich auch an „Spielen” wie „Counterstrike”, die für mich – pardon – der letzte Dreck sind.

Quelle: RP

 
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