Kleve: Böllenstege: Wo der Henker wohnte
VON MARC CATTELAENS - zuletzt aktualisiert: 11.08.2010 - 10:38Kleve (RPO). Wer sich in der Schwanenstadt übel daneben benahm, machte Bekanntschaft mit dem Scharfrichter. Und der wohnte seit dem 17. Jahrhundert in der Böllenstege. Allein der Name der Straße verbreitete Angst und Schrecken.
Der "Beul" war das letzte, was ein Schwerverbrecher in Kleve zu Gesicht bekam. Sein Job war es, Todesurteile zu vollstrecken. Und weil das naturgemäß für einen gewissen Bekanntheitsgrad sorgte, wusste Jahrhunderte lang jedes Kind, wo er wohnt: in der Böllenstege. Friedrich Gorissen erläutert, wie der Beul zum Böll wurde: "Beul ist die niederländische Bezeichnung für den Scharfrichter. So wird der Name denn auch noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Beulenstege geschrieben. Die heutige Aussprache richtet sich nach der Aussprache des Wortes, nachdem die Kenntnis der niederländischen Schriftsprache, einst Gemeingut der Bevölkerung, in der breiten Masse verloren gegangen ist."
Scharfrichter
Wie Sabine Noack schreibt, waren die in der Böllenstege seit dem 17. Jahrhundert wohnenden Henker so prominent, dass sich der Name der Straße ihren Namen anpasste. So hieß die Böllenstege zwischenzeitlich nach dem städtischen Scharfrichter Stöcker "Stöckerstege". Bis in die 80er Jahre des 18. Jahrhunderts lautete der verzeichnete Name des Scharfrichters Arnold Göcken oder von Gorkum.
Die Quellen
Wer mehr über die Geschichte der Klever Straßennamen wissen möchte, findet diese und weitere Informationen auch in folgenden Werken:
1) Friedrich Gorissen: Historische Topografie der Stadt Kleve.
2) Gerhard Hunscheidt: Die Clever Straßennamen und ihre Geschichte nach archivalischen und anderen Quellen.
3) Sabine Noack: Woher die Namen kamen. Klever Straßen und ihre Geschichte.
4) Heinz Will: Betrachtungen über und Anregungen zu Klever Straßennamen.
"Gegenüber dem Früh- und Hochmittelalter war die spätmittelalterliche Strafgerichtsbarkeit ein großer Fortschritt", sagt der Klever Stadtarchivar Bert Thissen. Allerdings sprach sie mitunter Strafen aus, die man nun wirklich keinem gönnen würde. Wie die Klever Stadtführerin Helga Ullrich-Scheyda schreibt, sah das Stadtrecht für Kriminalverbrechen wie Mord, Raub, Plünderung, Diebstahl und Gotteslästerung die Todesstrafe vor, die auf verschiedene Weise vollstreckt wurde. "Es wurde gehängt, enthauptet, verbrannt, gewürgt und zu Staub verbrannt, gerädert und ertränkt", so Ullrich-Scheyda.
Die Scharfrichter aus der Böllenstege hatten zur Vollstreckung der Todesurteile, von denen zwischen 1527 und 1701 mindestens 188 ausgesprochen wurden, von ihrem Haus aus (Gorissen: Das erste Häuschen hinter dem oberen Eckhaus an der Hagschen Straße) verschiedene Wegstrecken zurückzulegen: Laut Gorissen befand sich der Richtplatz seit 1692 auf der Materborner Heide, unmittelbar am Reichswald, gegenüber dem Forsthaus. Weitere Hinrichtungsstätten waren der Kleine und der Große Markt, das Gelände über dem Kermisdahl, der Mühlenberg (Heideberg) und der Klever Berg, der früher den Namen Galgenberg trug.
Schlechter Ruf
Die Scharfrichter waren zwar stets prominent, aber ebenso von schlechtem Ruf. Der ehemalige Stadtbaurat Hunscheidt (siehe Infokasten) verwies darauf, dass es eine strenge Trennung zwischen rechtschaffenen Bürgern und Scharfrichtern gab. So habe der Scharfrichter als unehrenhafte Person beispielsweise im Wirtshaus an einem besonderen Platz sitzen und dort sein Bier "aus einem mit einer Kette an der Wand befestigten Gefäße" trinken müssen.
Vielleicht war das auch der Grund, warum der Beul nach Anerkennung lechzte. So soll Scharfrichter von Gorkum, nachdem er einen Deliquenten einen Kopf kürzer gemacht hatte, gefragt haben: "Herr Landrichter, habe ich wohl gerichtet?" "Ja, Herr Nachrichter, Sie haben wohl gerichtet."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







