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Kleve: "Cleve hat uns gut gefallen!"

VON JULIA LÖRCKS - zuletzt aktualisiert: 08.08.2009

Kleve (RPO). Am morgigen Sonntag, 9. August, vor 100 Jahren weilte der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen, Kaiser Wilhelm II. nebst Gattin Auguste Viktoria und Prinz Oskar in Kleve. Für drei Stunden hatte die Schwanenstadt ihren alten Ruf als Residenzstadt inne. Ein Rückblick in die Geschichte.

Info

Das Herzogtum Kleve

bestand seit etwa 1020 als Grafschaft und wurde 1417 zum Herzogtum erhoben. Der Sitz des Herrschers war die Schwanenburg. Durch den Vertrag von Xanten 1614 kam Kleve in Besitz der Kurfürsten von Brandenburg. Von 1647 bis 1679 amtierte Johann Moritz von Nassau-Siegen als Statthalter des Kurfürsten in Kleve. Während das Herzogtum im 17. Jahrhundert noch eine wichtige Rolle für den Aufstieg Brandenburg-Preußens gespielt hatte, sank die Bedeutung im 18. Jahrhunderts stetig.

Zuerst kamen die Pferde. Zwölf Rappenhengste, darunter zwei Reitpferde und vier Galawagen, die am 6. August 1909, kurz nach 12 Uhr, am Bahnhof in Kleve eintrafen. Sie waren für den Einzug der kaiserlichen Majestäten Wilhelm II. nebst Gattin Auguste Viktoria und Prinz Oskar in Kleve (damals: Cleve) bestimmt. Und dieser Tag, an dem die Schwanenstadt ihren alten Ruf als Residenzstadt noch einmal für wenige Stunden innehatte, an dem tausende und abertausende Bürger den letzten Deutschen Kaiser und König von Preußen in Kleve begrüßten, bejubelten, gar bewunderten war morgen, am 9. August, vor genau 100 Jahren. Und fast wäre nichts daraus geworden.

Denn der Kaiser hatte seinen Besuch bereits für Juni 1909 zugesagt. "Der Herr Oberpräsident hat mir die mündliche Mitteilung gemacht, dass Seine Majestät der Kaiser die bestimmte Absicht geäußert hat, im nächsten Jahr am 300-jährigen Jubelfeste teilzunehmen", wie Landrat Peter Eich im Oktober 1908 bekannt gab. Das Oberhofmarschallsamt legte daraufhin den Termin auf den 18. Juni, der eigentliche Gedenktag zur 300-jährigen Zugehörigkeit der Stadt und des ehemaligen Herzogtums Cleve zur Krone Brandenburg-Preußen ist am 16. Juni 1909.

Es gründete sich ein Festausschuss, Anwohner trafen sich zum Häuserschmücken. Rosa und rote Rosen sollten es sein, weiße Kästen mit roten Blumen – möglichst alles im Biedermeierstil. Auch die Wege und Anlagen am Amphitheater wurden instandgesetzt, der Cerestempel, die Statuen und der Obelisk renoviert. Selbst die Baupolizei wurde mobil und prüfte die Statik der Balkone und Erker. Ja, es herrschte reges Treiben in der Stadt. Und alle, wirklich alle 17 600 Einwohner von Kleve waren in freudiger Erwartung – bis eine Nachricht am 1. Juni eintraf. Im politischen Teil der Tageszeitungen konnte man lesen, dass die bereits für 1908 geplante, damals aber verschobene Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zaren am 17. Juni in den finnischen Schären stattfinden würde. Kleve war enttäuscht, etwa anderthalb Monate lang, bis der Festausschuss am 17. Juli verkündete, dass das Kaiserpaar nun am 9. August, vormittags, in Kleve eintreffen würde.

23 Tage blieben bis zum ehrwürdigen Empfang – und dann war es so weit. Der kaiserliche Sonderzug rollte um 11 Uhr in den Bahnhof "Stiller Winkel" ein. Donnernde Salutschüsse und Festgeläute verkündeten die Ankunft. Zuerst stieg Kaiser Wilhelm II. aus dem Salonwagen, um dann seiner Gemahlin Auguste Viktoria beim Aussteigen behilflich zu sein. Er in der Interimsgeneralfeldmarschallsuniform, sie in silbergrauer Robe mit weißem Federhut. Prinz Oskar war um 10 Uhr mit einem Extrazug angekommen. Über die Donsbrüggener Chaussee fuhren die hohen Herrschaften unter Vorantritt der Ehreneskorte von 60 Landleuten auf prächtigen Rossen in schmucker Reiteruniform zum Empfangsplatz. Glockenklang und nicht enden wollende Jubelrufe einer begeisterten Volksmenge begrüßten an diesem Morgen den Augenblick, als das Königspaar in Begleitung des Sohnes Oskar seinen Einzug in die Stadt hielt. Der Fremdenverkehr gab an, dass etwa 20 000 Menschen an diesem Tag in Kleve waren.

Erste Station des Besuchs war das Amphitheater, wo Bürgermeister Dr. Heinrich Wulff, umgeben von Beigeordneten und Stadtrat, das Kaiserpaar begrüßte. "Allerdurchlauchtigster, großmächtigster Kaiser und König. Allergnädigster Kaiser, König und Herr! Allerdurchlauchtigste Kaiserin und Königin. Allergnädigste Kaiserin, Königin und Frau!", lauteten seine Worte. Daraufhin entgegnete der Kaiser, dass er sich freue, heute in dem alten Stammeslande seines Hauses am Rheine weilen zu können. Er wisse, dass die Klever Lande stets treu zu ihrem Herrscherhause gestanden und Freud und Leid mit diesem getragen hätten.

Ringsherum standen, stiffstaats in ihren weißen Kleidern die Ehrenjungfern. Tilde Paffrath, Maria Gries, Frau Diebels, Tilde Reintjes, Else Ritterbusch, Martha Jansen, Frau Braun, die Geschwister Kögel. Sie alle hielten Kränze in ihren Händen – nur eine hatte einen Blumenstrauß: Ilse Wulff, neun Jahre alt und Tochter des Bürgermeisters, machte einen Knicks, reichte der Kaiserin das Bukett aus zarten Märchenblumen und sagte: "Erst das Gedicht!". Drei Strophen von Johanna Baltz aus Arnsberg, stolz vortragen. Später bekam sie dafür aus den Händen der Kaiserin eine mit Brillianten besetzte goldene Brosche. Die Belohnung.

Vom Amphitheater ging der Zug weiter durch den Empfangsbogen an der Kavarinerstraße, die Große Straße, Hagsche Straße hinauf und schwenkte vor dem Hagschen Tor links in die Kapitelstraße ein. Dort war die Stiftskirche am Kleinen Markt zweite Station. Ein Gewinde von Girlanden, Festous und Kränzen durchzog die vier Kilometer lange Feststraße von der Eisenbahnhaltestelle "Stiller Winkel" am Tiergarten bis zum Kleinen Markt. Und im Gegensatz zum Zeitungsredakteur, der seinem vorgefertigten Bericht programmierten Jubel hinzugetan hat, war die Majestät von dem schütteren Spalier und der spärlichen Volksmenge am Straßenrand enttäuscht. Dort hätten Kriegervereine stehen sollen. Sie waren aber nicht gekommen, weil sie das schöne Wetter für die liegengebliebenen Erntearbeiten nutzen wollten.

Auf dem Kleinen Markt gab es dann den Höhepunkt der Feierlichkeiten – die Enthüllung des Denkmals Hohenzollern. Gekrönt mit einem Reiterstandbilde des Großen Kurfürsten sollte es Zeuge der Liebe und Dankbarkeit der Bewohner der Klever Lande sein. Sichtlich erfreut darüber entgegnete Wilhelm II.: "Es ist mir und der Kaiserin, meiner Gemahlin, ein Herzensbedürfnis gewesen der Einladung zu der heutigen Feier der 300-jährigen Zugehörigkeit des ehemaligen Herzogstums Cleve zum brandenburgisch-preußischen Staate und zu meinem Hause Folge zu leisten."

Die dritte Station verbrachte das Kaiserpaar bei den Ahnen – in der Stiftskriche besichtigten sie die Grabdenkmäler des Grafen Adolf I. und des Herzogs Johan IV., in der Schwanenburg das Denkmal des Grafen Otto I.. Auch der renovierte Schwurgerichtssaal, der dem Kaiser so gar nicht gefiel, wurde betrachtet. Das Bild der Justitia fand er einfach nur scheußlich.

Vom Schlossberg startete der Kaiserkonvoi durch die Alleen und die Stadt die Abreise. Nur Prinz Oskar kehrte noch einmal in die Stadt zurück und nahm bei Landrat Eich eine kleine Erfrischung zu sich, ehe er gegen 14 Uhr mit dem Auto Richtung Schloss Wißen fuhr. Das Kaiserpaar hingegen bestieg schon um 13 Uhr den bereitstehenden Hofzug am Bahnhof Richtung Middachten (Niederlande). Beim Abschiednehmen wandte er sich noch einmal zu den spalierstehenden Beamten und rief:

"Cleve hat uns gut gefallen!"

Quelle: RP

 
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