Kreis Kleve: Die Angst vorm Pinkeln
zuletzt aktualisiert: 23.10.2006Kreis Kleve (RPO). Fünf Stunden Autofahrt haben wir schon hinter uns, noch mal so viele liegen vor uns, mindestens. Und die Blase drückt – immer schlimmer . . . Es scheint uns innerlich zu zerreißen – aber auf einer Autobahn-Toilette das Geschäft verrichten ? Schon beim Gedanken zieht sich der Magen zusammen. Michael Bay, Psychotherapeut in der forensischen Psychiatrie, erzählt RP-Redakteurin Kerstin Olañeta mehr über die psychisch bedingte Entleerungsstörungen.
Wie kommt es, dass wir unter anderem in solchen Situationen Probleme haben, uns zu „entleeren“ ?
Michael Bay So, wie Sie die Situation geschildert haben, ist es normal wenn ein Gefühl von Ekel und Vorsicht vorherrscht: Kot und Harn sind Keimträger, und wer möchte und kann schon auf verdreckten, gesundheitsgefährdenden Lokussen seine Notdurft verrichten...
Das klingt so, als gebe es auch andere Ursachen für Entleerungsstörungen.
Bay Genau – und da müssen wir bereits in der Säuglings-Zeit ansetzen. ’Pipi-Machen’ ist ein Vorgang, der sich schon früh in unser körperliches Handlungsgedächtnis einprägt. Urin ist schließlich eine Körpersubstanz, von der wir als Kind annehmen, dass sie uns verloren geht, von der wir deshalb Abschied nehmen müssen. Bereits dann kommt es entscheidend auf die Einstellung an, die unsere Eltern uns entgegen bringen: Wir produzieren etwas Gutes, sollten sie uns vermitteln – nicht: ’Pfui, bah, das ist ekelhaft’. Loben sollten sie uns, weil wir etwas Gutes hervorbringen.
Das heißt, wenn wir für unsere Ausscheidungen bestraft werden, kann das gravierende Folgen haben.
Bay Richtig. Es können später unangemessene Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle entstehen, und das Selbstwertgefühl kann leiden. Schließlich hat das Ausscheiden von Urin und Kot mit der Entwicklung unserer Identität, mit dem Gefühl von Körperlust zu tun, wieso sollte darauf mit Ekel reagiert werden ? Für jedes Kind und damit für jeden Erwachsenen ist die Erfahrung, diesen Entwicklungsprozess ungestört machen zu können, von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung seiner Körperwahrnehmung, auch für seine Fähigkeit, sich abzugrenzen und selbstbewusst leben zu können.
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