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Kleve: Die Armut wohnt nebenan

VON PETER JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 24.12.2011

Kleve (RP). Eine Klever Familie schildert, wie sie aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand geriet. Nach Arbeitslosigkeit, Hartz IV und einem Selbstmordversuch ist vor Weihnachten die Hoffnung zurückgekehrt.

Info

Die Klosterpforte

Aufgaben und Ziele: Der Verein Klosterpforte e.V. wurde am 21.10.1982 gegründet

Zweck des Vereins ist: "Hilfe zur Selbsthilfe". Der Verein... - versucht Notleidenden zu helfen - unterhält die Tagesstätte "Klosterpforte" - bietet wochentags warme Mahlzeiten - arbeitet mit kirchlichen und karitativen Organisationen und Behörden zusammen.

Maria Görtz* (43) nimmt ein Zuckerklümpchen und lässt es in den Tee fallen. Die Mutter sitzt in der Klever Klosterpforte. Sie trägt längere Ohrringe, ein weißes Shirt, eine Wollweste. Maria Görtz wirkt nervös. Dabei geht es ihr und ihrer Familie aktuell so gut wie seit Jahren nicht mehr. Vor Weihnachten hat das Leben der 43-Jährigen, die mit ihrem Mann (52) und Sohn (18) in Kleve wohnt, eine Perspektive. Der Fahrstuhl abwärts startete vor drei Jahren. 2008 erhielt Klaus Görtz* am Geburtstag seiner Frau die Kündigung. Knapp 40 Jahre hatte er ohne Unterbrechung gearbeitet. Die letzten 20 für ein großes deutsches Unternehmen.

Seine Abteilung wurde aufgelöst. Die Firma, die die Arbeiten übernahm, hatte Klaus Görtz ein extrem gutes Angebot unterbreitet. Die Bezahlung lag sogar über der des alten Arbeitgebers. Ein mieser Trick. Es ging nur darum, Görtz und seine Kollegen los zu werden. Eine Woche vor Ablauf der Probezeit wurde Görtz gekündigt. "Wir bekamen 15 Monate Arbeitslosengeld, dann rutschten wir in Hatz IV ab", erzählt Maria Görtz. Die Familie hatte vor der Kündigung des Vaters ein Nettoeinkommen von 3500 Euro. Jetzt musste sie mit 1300 Euro auskommen. Aus dem gemieteten Einfamilienhaus wollte man nicht raus.

"Niemand sollte merken, wie schlecht es uns finanziell geht", erinnert sich Maria Görtz. Die Situation wurde unerträglich: Im Sommer wurde ihnen für knapp sieben Wochen der Strom abgeschaltet und der Wasser- und Gashahn zugedreht. Sie konnten nicht zahlen. Mit Wasser aus Plastikflaschen habe man sich über der Wanne die Haare gewaschen, so Maria Görtz.

Der offene Kamin diente zum Kochen. "Wochenlang haben wir unser Essen auf dem Holzkohlegrill im Garten zubereitet", sagt die 43-Jährige. Tiefgefrorenes Fleisch habe man in eine Kühlbox gelegt und am nächsten Tag gegrillt. An Weihnachten 2010 denkt die Mutter nur ungern zurück: "Wir haben unsere Eheringe zu einem Goldhändler gebracht, um unserem Sohn etwas kaufen zu können." Nach und nach wurden alle Wertgegenstände in Bares umgesetzt. Zu der Existenzangst kam für Maria Görtz hinzu, wie auf dem Sozialamt mit ihr umgegangen wurde: "Das war menschenunwürdig." Irgendwann konnte Maria Görtz nicht mehr. Sie versuchte mit Tabletten, sich das Leben zu nehmen. Die Dosis reichte zum Glück nicht. Auch ihr Mann hatte Suizid-Gedanken. Der Sohn wurde nervlich am besten mit der Situation fertig. Er war es, der den Anker warf. Letzte Ausfahrt Klosterpforte. Hier wurde der Aufzug, der seit Monaten nur eine Richtung kannte, gestoppt.

"Es war die einzig richtige Entscheidung. Hier in der Klosterpforte hat man mein Leben gerettet", blickt Maria Görtz zurück. Es wurde wieder Struktur in einen Tag gebracht, der größtenteils von Lethargie, Hilflosigkeit und auch Aggression geprägt war. Die verbesserte Situation auf dem Arbeitsmarkt trug mit dazu bei, dass Klaus Görtz seit einigen Wochen wieder einen Job hat. Maria Görtz arbeitet ebenfalls wieder Vollzeit, der Sohn wird das Abitur ablegen. Vor dem Komma wird in seiner Abiturnote eine 1 stehen. "Der ärgert sich schon, wenn der eine Zwei mit nach Hause bringt", sagt Maria Görtz.

Die finanzielle Situation hat sich entspannt. 23 000 Euro Schulden hat die Familie noch. Doch blickt Familie Görtz hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Klosterpforte besucht die 43-Jährige noch regelmäßig, auch wenn sie nicht mehr direkt auf Hilfe angewiesen ist. "Früher bin ich zum Weinen hierher gekommen, jetzt lachen wir meistens", sagt Maria Görtz.

*Namen von der Redaktion geändert.

Quelle: RP/rl/jul


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