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Kleve: Die Wirklichkeit des Baumes

VON MATTHIAS GRASS - zuletzt aktualisiert: 07.10.2006

Kleve (RPO). Giuseppe Penone heißt die große Übersichtsausstellung über das Werk des berühmten italienischen arte Povera Künstlers, die Sonntag im Museum Kurhaus Kleve eröffnet wird. Die sehr aufwändige und bedeutende Ausstellung setzt die Arte-Povera-Reihe nach Mario Merz und Anselmo fort.

Riesige Stücke braun-borkiger Rinde liegen auf dem Boden, wölben sich trocknend. Dazwischen ein graziles Gestell aus Stöcken, das wiederum ein Stück Rinde trägt. „Lo Spazio della scultura“ – der Raum der Skulptur – nannte Giuseppe Penone das große Werk, das in Kleve erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Die Rinden sind aus Bronze, die Stöcke sind aus Bronze. Die Rinde stammt von einer riesigen Zeder, die Sturmtief Lothar 1999 im Park von Versailles niederriss und die Penone kaufte. Er löste die Rinde, nahm ihre Form mit einem Lederstück ab, aus dem wiederum die Form für die Bronzen entstand. Jetzt liegen die Bronzen wie täuschend echte Rinde auf dem Boden und erzählen von der Natur, von dem Baum und seinem Schicksal, von seiner Struktur, von der in ihrer Grobheit doch ungemein fragil wirkenden Borke.

Es ist „die formgewordene Wirklichkeit des Baumes“ (so Penone im anderen Zusammenhang 1980), die man hier verfolgen kann. Grat für Grat in den gegossenen Bronzeteilen, in der Rinde. Oder in den Bäumen, in ihren Grundformen, die der Italiener aus Bohlen oder anderen Stammstücken herausarbeitet, die Urform des Baumes freilegt: Auch ein Tisch war früher ein Baum – und man kann ihn herausarbeiten aus diesem Tisch oder aus Holzbohlen. Es ist faszinierend, wie Penone diese Baum-Urform aus den Bohlen holt: Ein 33 Meter Sockel in der Galerie zeigt diese Formen in Bohlen. In einem Stück Stamm (Titel: Tür im Baum) steht ein kleines Bäumchen in dem großen, alten Stamm. Aber es ist nicht hineingestellt. Es ist da drin, immer. Man muss es nur heraus holen. Vorsichtig, Linie für Linie die Ästchen und Adern erkennen, sie behutsam freilegen . . .

Den Schatten atmen

Es ist quasi ein Blick nach Innen, ein Blick durch die Oberfläche hindurch aufs Wesentliche. Wie beim Baum so auch beim Stein: Wie bei den großen dunklen Blättern, auf die Penone mit seinem Stift die Zeichnung diverser Granitsorten gesetzt hat, wie bei den Marmorplatten, aus denen er die Fasern des Steins herausgemeißelt hat. Immer geht der Blick unter die Oberfläche – und öffnet mit dieser Verkehrung des Schauens dem Betrachter den Blick aufs Ganze. Der Besucher lernt aber auch, den „Schatten zu atmen“: In einem Raum hat der italienische Künstler die Wand mit Drahtnetzen voller Lorbeerblätter verkleidet, deren Duft immer noch den Raum erfüllt und ihm eine besondere Aura verleiht, da auch der Schall und das Licht hier nur noch gedämpft sind. 2000 entstand die Arbeit als Installation für den Palast des Papstes in Avignon zu einer Ausstellung über die Schönheit. Vielsagend das Lorbeer, bezog es sich auf den Dichter Petrarca und seine Geliebte Laura, auf die Aura ebenso, wie auf den Lorbeer des Dichters. Doch auch ohne diese Hintergründe funktioniert der Atem des Schattens. Dieser Raum umfängt mit seiner Aura sofort jeden Besucher . So wie die eigens aus New York eingeflogenen Waldgestalten, die man erst auf den zweiten, vielleicht sogar erst auf den dritten Blick entdeckt, weil sie draußen im Hang des Reichswaldes Bäume umfangen, zu verwachsen scheinen mit der Natur: Figuren, die Bäume umarmen, sich an Stämme schmiegen oder schwungvoll wie das Efeu zu wachsen scheinen. Auch sie aus fragiler Bronze.

Fragil, lyrisch liebevoll auch die beiden Projektionen aus stakeligen Stockfüßen in der Wandelhalle wie archaische Gebilde aus entfernter Vorzeit. Die dünnen stakeligen Astbeine tragen schwere Gebilde aus vielen Schichten. Es ist der vergrößerte Fingerabdruck des Künstlers. Der findet sich auch in den faszinierenden Fotoarbeiten von Fingerübungen wie in einer schon monumentalen Zeichnung in der sich der Fingerabdruck als endlose Linie konzentriert über ein riesiges Blatt zieht. Wie zur Erklärung oder auch als Ruhepole haben die Ausstellungsmacher Räume mit den Zeichnungen des Künstlers eingerichtet (insgesamt 110 Blätter), die zu den großen Arbeiten entstanden, die diese teilweise ergänzen.

So zieht sich eine enorme Ausstellung voller Höhepunkte durch das ganze Haus - nur die Mataré-Sammlung blieb, wo sie ist. Auch im historischen Friedrich-Wilhelms-Bad zog die Natur des Italieners ein: Da die Natur das Maß der Dinge ist, formt sie auch die schönsten Skulpturen - und so hat Penone einen Stein aus einem Fluss genommen, diesen quasi dem Berg zurückgegeben und für den Fluss einen neuen Stein gemeißelt, der dem alten gleicht wie ein Zwilling. Wir wissen nicht, welcher, welcher ist . . .

Quelle: RP

 
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