Kreis Kleve: Ein Blick voller Demut
VON ANDREAS GRÖHBÜHL - zuletzt aktualisiert: 24.12.2008Kreis Kleve (RPO). Nirgend sonst ist das Gefühl für die galaktische Wirklichkeit so groß wie in der Volkssternwarte. Der Mensch und seine Probleme werden plötzlich ganz klein. Der Kosmos überwältigt.
Der Alltag verschwindet im Schwarz zwischen den Sternen. Hier in der Nacht an der Volkssternwarte weitet sich der Blick, geht hinaus in die Unendlichkeit der sternklaren Nacht. Und mit dem Blick weitet sich der Geist. Die hektische Betriebsamkeit weicht aus dem Körper. Wie klein sind die eigenen Probleme, wie klein man selbst angesichts der Millionen an Kilometern und Jahren, die nirgends in Kleve sichtbarer werden als an der Volkssternwarte.
Plötzlich war der Mond so nah
Hartmut Sittel kennt dieses Gefühl der Demut vor der Unendlichkeit gut. Er steht oft am Teleskop. „Ich fühle mich dann so klein, hilflos und gebunden an die Erde“, sagt er. Hier verbringt Sittel seine persönlichen Sternstunden. Seit zwei Jahren ist er Vorsitzender der Volkssternwarte. Schon als Kind liebte er den nächtlichen Himmel. Mit 14 griff er das erste Mal zum Fernglas seines Vaters und schaute zum Mond, der damals, 1962, noch unerreichbar schien. „Plötzlich war er so nah“, erinnert sich Hartmut Sittel. Er konnte jeden Krater genau erkennen. Das hat ihn fasziniert.
Inzwischen ist es kein Fernglas mehr, durch das er die Gestirne betrachtet. Er hat die Auswahl zwischen drei Teleskopen auf dem Vereinsgelände am Bauernhof in Goch-Nierswalde an der Berliner Straße. Mit einer Brennweite von bis zu 3556 Millimetern. Damit sind Planeten und Galaxien gut zu erkennen. Wenn denn die Ausrichtung der Erde den Blick von Kleve aus auf sie freigibt. Die Sterne selbst lohnen kaum der Betrachtung, sagt Hartmut Sittel. „Das sind einfach nur helle Punkte. Vergrößert zwar, aber doch nicht mehr als helle Punkte.“ Er schaut viel lieber auf die Planeten, wie die sichelförmige Venus, die an ihrer unteren Spitze in leichtes Rot getaucht ist. Mit großer Freude zeigt er Jugendlichen den Kosmos. Immer mehr Schulklassen finden den Weg zum Bauernhof. Ihnen versucht Hartmut Sittel ein Gefühl für die galaktische Wirklichkeit zu vermitteln. Vielleicht entsteht ja auch bei ihnen ein Gefühl der Demut. Zunächst aber sind die Schüler überrascht, dass es den Kosmos tatsächlich gibt. Sie vermuten hinter dem Bild im Okular eine Klebefolie auf dem Teleskop.
Eines Abends kam eine 18-Jährige an die Volkssternwarte, erzählt Hartmut Sittel. Ihre erste Fahrt alleine im Auto führte sie zu der kosmischen Aussichtsplattform. Sie wollte den Saturn sehen. Also zeigte Hartmut Sittel ihr den Planeten. „Den gibt’s ja echt“, sagte die 18-Jährige da. Fernsehen und Kino hatten sie fast dazu verleitet, ihn für eine Computeranimation zu halten. Solche Momente machen den 60-Jährigen fast ebenso glücklich wie die ganz privaten am Teleskop. Im Frühjahr hat er den Lauf der Raumstation ISS verfolgt. Ganz klar konnte er ihre Kontur erkennen, wie sie am Stern Atair vorbeiflog. Er wusste: „Da sind jetzt Menschen drin.“ Menschen, die wenigstens für einige Zeit, die Bindung an die Erde überwunden haben.
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