Kleve: Ein Klever unter Palmen
VON MATTHIAS GRASS - zuletzt aktualisiert: 15.12.2008Kleve (RPO). Cannes, der Ort der Filmfestspiele, widmet Pierre Theunissen eine große Ausstellung. Er wurde 1931 in Keeken geboren, in der Alten Kirche Kellen und Moyland stehen seine Werke, regelmäßig schreibt er für den Heimatkalender.
Heimweh? Pierre Theunissen blinzelt in die Sonne, die am Freitag übers Meer auf die Terrasse des Grand Hotels scheint und so wärmt, dass der Tisch fürs Essen draußen gedeckt ist. Mitten im Dezember ist Kaiserwetter in Cannes und am Abend wird der Klever im „Centre d’Art la Mailmaison“ eine große Retrospektive mit seinen Werken eröffnen. In dem Ausstellungspalais wurden zuvor der große Arman (das Kurhaus ist stolz, eines seiner Werke zu haben) gezeigt, es waren Werke von Miró und André Masson zu sehen, der wilde Szczesny. Jetzt Pierre Theunissen. Überall in der Stadt hängen die Plakate mit seinen Holzskulpturen und weisen den Weg in das prächtige Palais unmittelbar neben dem berühmten Hotel Carlton, vor dem sich nicht nur während der Filmfestspiele die Ferraris und Lamborghinis drängeln.
Über 40 Jahre in Frankreich
Hat man hier Heimweh, wo der Himmel tiefblau ist und auch im Winter ein Regen nur ein Schauer sein wird, hier, wo sich die berühmte Corniche malerisch an der Küste entlang schlängelt? Theunissen ist seit über 40 Jahren in Frankreich, wohnt oberhalb Cannes in der Nähe der Parfümstadt Grasse in einem Haus, das sich in den Fels krallt und das schon Willy Maywald, der Fotograf der Schönen und Berühmten, der Modells und der Künstler der 50er Jahre, verzauberte.
Heimweh hat er nicht, sagt Theunissen. Und doch erzählt er dem französischen Kollegen eine Geschichte aus der alten Heimat. Von seiner Jugend in Kleve, von Karneval, von Karl Groenewald. Heimweh hat Pierre Theunissen zwar nicht, aber er ist im Klever Land zugleich weg und immer da: Seit über 20 Jahren gibt es keinen Heimatkalender ohne eine Theunissen-Geschichte. In Platt, seiner Sprache. Dazu steht immer eine seiner feinen Zeichnungen. Dann erinnert er sich liebevoll an die Welt, die ihm bald zu eng werden sollte, erinnert sich an seine Klever Freunde, die Familie, den Pastor. Es sind keine Döntjes, es ist Zeitgeschichte, humorvoll und ernst zugleich.
Bei Hanns Lamers traf der junge Theunissen auf eine Bohéme mitten in der niederrheinischen Provinz: Beuys und Schoofs, Bloch und Maywald, die Gebrüder van der Grinten. Das begann 1950.
Er studiert später Bildhauerei an der Akademie in Düsseldorf. Fotos aus der Zeit zeigen ihn verwegen mit Kappe an seinem Studienort. „Den Grass habe ich grad’ immer verpasst“, erzählt Theunissen unter der Sonne des Südens auf der Hotel-Terrasse: Der Nobelpreisträger wechselt von Düsseldorf nach Berlin, als Theunissen in der Landeshauptstadt anfängt und verläßt Paris wieder, als der Keekener in die Seine-Metropole kommt. Hier trifft Theunissen Willy Maywald wieder, der ihn nach Grasse einlädt. Er begegnet Yves Klein, Jean Tinguely, Arman, nicht Picasso. Dann Chagall. Das komplette „who is who“ der Nachkriegs-Avantgarde.
Max Ernst und Joseph Beuys
1963 heiratet er Jeanine Einaudi und lässt sich in Grasse nieder. Nach und nach restauriert er das Haus, das sich dort in den Fels krallt und heute von seinen Kunstwerken umgeben ist. Stolz zeigt er Fotos: „Wir haben hier auch kleines Gästehaus“, weist er mit dem Finger auf den Natursteinbau mit den wunderbar blau-violetten Fensterläden. Denn Gäste waren ihm immer willkommen: Max Ernst war hier und auch der schwere Bentley von Joseph Beuys tastete sich die schmale Straße hinauf: Beuys besuchte seinen Freund mit der ganzen Familie.
Theunissens künstlerische Produktivität blieb über die Jahre ungebrochen – inzwischen arbeitet er in Stahl, mit Fundstücken. Arbeitet sich wie immer ab am harten Material. (Bericht über die Ausstellung folgt im lokalen Feuilleton).
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