Kleve: Ein Leben mit Diabetes
VON PETER BÖTTNER - zuletzt aktualisiert: 15.11.2011Kleve (RP). Heute ist Weltdiabetestag: Im Fall einer Unterzuckerung greift Karin Peters zur Schokorosine. Die 46-Jährige lebt seit 18 Jahren mit der schockierenden Diagnose. Die Arzthelferin hat Wege gefunden, mit der Krankheit zu leben.
Die Pumpe meldet sich mit einem nervigen Klingeln. Karin Peters müsste jetzt reagieren. Sie müsste dem kleinen Computer sagen, was sie essen will. Dann würde das Gerät kurz rechnen, Broteinheiten zusammenzählen, um dann mit mechanischem Kolbendruck frisches Insulin in Karin Peters Blutkreislauf zu pumpen.
Der schlechte Blutzuckerwert stammt allerdings vom Autor dieser Zeilen. Das Frühstück ist zum Zeitpunkt der Messung längst verdaut, das Gespräch mit Karin Peters noch vor der Mittagspause. Mit einem nachsichtigen Lächeln öffnet die 46-Jährige ihr Notfallköfferchen. Darin eine lila Schachtel, prall gefüllt mit Schokorosinen. "Eine Handvoll davon, und ihr Zuckerwert ist wieder okay."
2. Klever Diabetestag
Die Katholischen Kliniken im Kreis Kleve informieren heute, beim 2. Klever Diabetestag, über die Erkrankung.
Ab 17 Uhr ist die Stadthalle Kleve geöffnet, zwei Fachvorträge zum Thema "Augekomplikationen" und "Fuß des Diabetikers" runden die Risikoberatung ab.
Der Eintritt ist kostenfrei.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Karin Peters ist Diabetikern. Seit 18 Jahren. Ihr Körper ist nicht in der Lage, Zucker ordnungsgemäß zu verarbeiten. Die Folgen sind Über- und Unterzuckerungen. Beides im Wechsel, beides mitunter nicht vorhersehbar, beides krankmachend. Gestern, am Weltdiabetestag, hat die Arzthelferin sich dennoch genauso wenig krank gefühlt, wie an den Tagen davor oder danach.
"Ich habe eine Stoffwechselstörung. Nicht mehr, und nicht weniger." Im Oktober 1993 freilich, als Karin Peters sich ständig schlapp fühlte und schließlich die Diagnose "Diabetis I" erhielt, "war es, als ob mir jemand den Teppich unter den Füßen weg gezogen hätte". Der erste Schock verflog, weil sie das Glück hatte, in einem aufgeklärten Umfeld zu leben. Als Arzthelferin sind Spritzen, Tabletten und Diätpläne notwendige Therapie, keine Bedrohung.
"Ich habe schnell begriffen, dass ich mit dieser Diagnose nicht untergehe", sagt sie. Eine Woche wurde sie im Krankenhaus auf das vorbereitet, was seitdem ihr Leben bestimmt. "Das ist, was jeder Mensch befolgen sollte: kleine Mahlzeiten, ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, wenig Alkohol."
Die Verharmlosung der Krankheit hört spätestens auf, wenn die 46-Jährige ihren Pullover ein Stück nach oben zieht. Am Hosenbund fest geklippt wacht die Insulinpumpe, von dort führt ein fragiler Schlauch in die Bauchdecke. "Die Pumpe trage ich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagt Karin Peters. Kleine Ausnahmen gesteht sie sich zu. Beim Schwimmen, in der Sauna, zu Hause. "Aber dann fehlt natürlich die Sicherheit. Die Lebensversicherung."
Wie dramatisch es werden kann, wenn der Zuckerspiegel weiter fällt, bekam Karin Peters selbst gar nicht mehr richtig mit. Ihr Mann wurde wach, weil Karin Peters Füße auf seinem Kopfkissen lagen. "Da war ich schon komplett weggetreten. Mein Mann musste mir die Notfallspritze geben – eine hohe Dosis Glukose", erzählt die 46-Jährige Kleverin.
Diabetes kann töten – allein im Kreis Kleve starben im vergangenen Jahr 53 Menschen an der Erkrankung. Ein Jahr zuvor starb eine Frau noch vor ihrem 30. Geburtstag. "Angst muss man nicht haben. Ein Diabetiker muss aber ständig hin sich hineinhorchen", sagt Karin Peters.
Wenn die Bedienung der Mikrowelle plötzlich zur Herkulesaufgabe wird, wenn Karin Peters albern wird, wenn der Harndrang unerwartet zu groß wird – immer dann muss sie eingreifen.
Trotzdem: Die Arzthelferin will Mut machen – nicht nur in ihrem Berufsalltag. Deshalb leitet sie eine Selbsthilfegruppe und engagiert sich bei Infoveranstaltungen. "Ich lebe. Und ich lebe gerne. Daran ändert auch Diabetes nichts", sagt Karin Peters.
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